Nichts, was es nicht gäbe, in der 302

In jeder 302 würde rationaler diskutiert als hier, beschwerte sich einer der Kommentatoren in diesem Blog kürzlich. Dem stimme ich zu, theoretisch muss das so sein, denn in der 302 gibt es stets alles, jedes Niveau, auf engstem Raum. Ab und zu in rasantem Wechsel. Erst kürzlich ist mir das wieder gewahr geworden.

302, das ist die Straßenbahnlinie, welche zwischen dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof und der Veltins-Arena verkehrt. Moderne, hübsch anzuschauende Bahnen, für den Transport von Fußballfans allerdings gänzlich ungeeignet. Von der Decke bammelnde Halteschlaufen oder längs verlaufende Verstrebungen, für stehende Fahrgäste, gibt es in den Bahnen der BOGESTRA („Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG“) leider nicht. Alle 2 Meter ist auf den Sitzbänken, jeweils recht und links, ein 20 cm breiter Haltegriff montiert. Sich daran klammernd sind sich bereits 2 Fahrgäste viel zu nah. Damit sich aber auch die Umstehenden gut riechen können, lassen sich die Fenster der Bahnen nicht öffnen.

Ob vor oder nach dem Spiel, über Schalke wird ständig diskutiert, in der 302. Ich bin stets gerne mittendrin. An wen man dabei gerät ist Glückssache. Mal wird man mit neuen Gedanken beschenkt, mal mit Sportbild-Phrasen konfrontiert. Nach dem Spiel gegen Nürnberg war ich gemeinsam mit meinem Sohn auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Wir bekamen Sitzplätze und neben uns stand ein netter Typ, rundum gemäßigt, in Meinung, Fan-Outfit und Alkoholisierung. Das Spiel, die Qualifikation, die Tuchel-Gerüchte, wir waren nicht gleicher Meinung aber kamen überein, in den ersten 10 Minuten der Fahrt, bis er sich auf einen frei gewordenen Platz setzte, einen Meter weiter vorne, auf der gegenüberliegenden Seite der Bahn.

Am Hauptbahnhof, zum Ausstieg bereit, suchte ich noch mal nach dem Gesprächspartner. Ich wollte noch eine gute Weiterfahrt und alles Gute wünschen, als ich sah, dass er noch saß, vornübergebeugt. Vielleicht eingeschlafen, vielleicht ist was nicht in Ordnung, dachte ich; beide Fälle wären doof gewesen, an dieser Endhaltestelle. Es brauchte aber nur einen Schritt in seine Richtung um zu erkennen, dass weder das eine, noch das andere der Fall war, dass er stattdessen seinen Pimmel in der Hand hatte, um seinen zuvor geleerten Bierbecher neu zu füllen.

Die Verabschiedung lies ich ausfallen und sah ich zu, dass meinem Sohn der Anblick erspart blieb. Zum Fanwissen gehört zweifellos, dass immer mit allem gerechnet werden muss, auf und um Schalke. Ich bin allerdings noch mit der theoretischen Einweisung des Juniors zugange, die entsprechende Praxisstufe für solche Eindrücke verlangt noch etwas Vorarbeit.



PS: Eine andere 302-Geschichte war die des Straßenbahnderbys



17 Kommentare zu “Nichts, was es nicht gäbe, in der 302”

  1. Ney sagt:

    Hat meine Mutter in ihrer Bahn zu Spiel kürzlich auch gesehen.

    Zunehmende Blaseninkontinenz in der alternden Anhängerschaft?
    Abnehmende Selbstdisziplin in der jüngeren Anhängerschaft?

    Hingegen wird in der Bahn nicht mehr viel gesungen, vielleicht hängt
    das damit zusammen.

  2. Voice sagt:

    Oh man, der ist nicht schlecht. Da fällt mir folgendes ein: Als ich mal am GE Hbf. wartete, um in eine reguläre 302 umzusteigen, die dann im Gegensatz zu den meisten anderen Bahnen weiter nach Bochum fährt, frohlockte ich ob des reichlichen Platzes in der Bahn. Schnell stieg ich ein und sah…. einen riesigen Kotzfleck ziemlich genau in der Mitte des Wagens. Die Verteilung der Fahrgäste erfolgte dann relativ ungleichmäßig, da der Mittelteil großräumig gemieden wurde.

    Man bin ich froh, dass nun solche Geschichten die Fanseele umtreiben und nicht mehr (zumindest temporär) Trainerdiskussionen und ähnliches…

  3. maddin sagt:

    Oha. Nach dem ersten Absatz dieses Beitrags überkam mich reflexartig das Gefühl dem Blogchef auf den virtuellen Fuss getreten zu sein.
    Schlussendlich eine wirklich klassische 302-Anekdote die zwar im ersten Moment zum Fremdschämen einlädt, nach einigen Kubikmetern Wasser die die Ruhr runter geflossen sind aber genau zu den Geschichten gehören, über die man später einmal herzhaft lacht.
    Wobei ich Torsten in einer Sache widersprechen muss: wer schon mal an einem kalten November Freitagabend in Gladbach mit diesen fürchterlichen Shuttelbussen auf dem Weg zum Nordpark als Schalker unter lauter Fohlen im Feierabendverkehr stand, der weiß für alle Zeiten unsere 302 zu schätzen und zündet Sonntags eine Kerze für die Bogestra an.
    60.000 Fans mitten im Ruhrgebiet nach einer Großveranstaltung nach hause zu bringen, dat soll ersma jemand besser machen…..

  4. Սաշա sagt:

    Ich bin noch nicht da angekommen, wo ich lachen kann. Ich bin immer noch schockiert. Wahrscheinlich bin ich aufgrund meiner mangelnden Erfahrung mit der 302 (nur einmal mitgefahren) einfach nicht abgehärtet. Vielleicht ist es sogar so ein wenig eine Doppelmoral meinerseits, weil ja gerade beim Fußball jeder gerne dem öffentlichen Urinieren frönt und ich mich davon unter gar keinen Umständen ausnehmen möchte. Allerdings suche ich zumindest den Schutz der lokalen Flora, um ein Mindestmaß an Intimsphäre zu wahren. In meinem Interesse, wie auch im Interesse der wenigen Anwesenden, die sich daran stören könnten.
    Aber einfach so in der Straßenbahn seinen… also… Damit tue ich mich irgendwie schwer. Gott, wieso?!?!

  5. Carsten sagt:

    oh Gott… mußte das ein?

  6. blues sagt:

    … jetzt wurde auch noch das Niveau in der 302 tiefergelegt.:-)

  7. blues sagt:

    Mist, jetzt habe ich doch noch was, was hier passt.

    Die Karnevalsstadt hat ja nun keinen Tuchel mehr, dafür hat sie jetzt einen Kasper Hjulmand. Das Witzige ist, dass Kasper Hjulmandbei bei seinem bisherigen Verein noch einen bis 2015 laufenden Vertrag hatte. Der musste jetzt erstmal – im gegenseitigen Einvernehmen natürlich – aufgelöst werden. Der Heidel hat Maßstäbe…

  8. Links anne Ruhr (19.05.2014) » Pottblog sagt:

    […] Nichts, was es nicht gäbe, in der 302 (Königsblog) […]

  9. #Link11: Es gibt einen Fußballgott | Fokus Fussball sagt:

    […] Mitatselis erinnert in der FR an Deutschland–Italien 1970 + + + Pimmel: auf <a href=”Schalke + + […]

  10. Carlito sagt:

    Heute sing(k)t für sie für sie, das Niveau! ;)

    Nichts, was es nicht gibt. Altobelli! Schön, dass Deinem Jungen der Anblick erspart geblieben ist, ob der Aufmerksamkeit des Vaters!

  11. Stan Libuda sagt:

    Mahlzeit!

    Der Herr mußte halt mal. Soll er sich in die Hose pinkeln?
    Man sollte „Danke sagen“, daß er nicht in die Bahn gemacht hat.
    Was früher desöfteren vorkam. Irgendwo muß das Bier hin.

    In diesem Sinne
    Glückauf

  12. Stan Libuda sagt:

    Mahlzeit!

    Noch was vergessen: zu Zeiten, als man auf den Stehplätzen
    enger stand als heute, ist die Bahnanekdote von Torsten unwesentlich. ;)

    In diesem Sinne
    Glückauf

  13. Philipp1234 sagt:

    Ich hab auch schon Leute gesehen, die einfach in die Straßenbahn pinkeln sehen!

  14. blues sagt:

    Tja, Tönnies Fleisch. Irgendwie hat ja so ein „Rollin Dixie“ Thread richtige Vorteile. Da passt dann ans Niveau angepasst, sowas rein:

    „… seien Löhne von unter fünf Euro Realität,.. Konkret wurde die Unternehmensgruppe Tönnies Fleisch genannt – dort sei es Praxis, dass bis zu 90 Prozent Rumänen in den Fabriken für Hungerlöhne arbeiteten. Und davon würde noch einmal die Hälfte für die Unterkunft abgeknöpft.“, laut einer ZDF-Sendung zur Europawahl mit Maybrit Illner.

    Ist nicht schön für Schalke. Man darf sich als Schalker fragen, ob Tönnies der Verein auch als schöne blau-weiße Tarnkappe für eine miese Art Geschäfte zu machen dient. Der Schalkeboss und selbststilisierte Schalkeretter im Kontext von moderner Sklaverei oder Hungerlöhnen,das sehe ich nicht gerne.

    http://www.t-online.de/nachric.....erei-.html

  15. Torsten sagt:

    Vielen Dank für den Link, blues.

    Die besagte ZDF-Sendung kann hier nachgesehen werden …
    Klick

  16. Սաշա sagt:

    Die erwähnte Sendung habe ich gestern zum Teil auch gesehen. Ich meine schon länger, dass eine Art moderner Sklaventreiber als Aufsichtsratsvorsitzender eigentlich nicht besonders gut in das kolportierte Image vom „Kumpel- und Malocherklub“ passt. Solange er aber immer wieder im Amt bestätigt wird und sich das Bild vom spendablen Retter in der Not hält, muss man es allerdings aus demokratischer Sicht akzeptieren. Das ist eben auch Teil der gelebten (Vereins-)Demokratie.

  17. blues sagt:

    Großkreutz:Toi, Toi Toi – der gehört in diesen Thread:

    Großkreutz pinkelte laut „Bild am Sonntag“ in der Lobby des Berliner Hotels „Berlin, Berlin“ volltrunken gegen eine Säule.

    schreibt spiegel.de

    http://www.spiegel.de/sport/fu.....71531.html

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