Der Blick der Anderen auf Schalke 04

Dieses Blog besteht aus wenigen Berichten oder Hinweisen und viel Meinung. Meine Meinung, die naturgemäß mal so und mal so ist. Mir fällt es durchaus leicht zu meckern. Es gibt doch einiges, was mir nicht gefällt, an meinem Club, dem FC Schalke 04, wenngleich er mir doch grundsätzlich wichtig ist. Sehr wichtig.

Gestern kam mir ein Text zu meinem Club unter, der mir ob seiner rundum positiven – gar jubelnden Darstellung fast befremdlich vorkam. Dass es den englischen Fans, denen ich am vergangenen Wochenende begegnete, auf Schalke gefiel, schrieb ich schon. Neil Cameron, Journalist beim Evening Chronicle, einer Tageszeitung Newcastles, brachte seine Begeisterung nach einem Besuch des Schalke-Tages zu Papier.

Versuche Dir einen Fußball-Club vorzustellen, der jedes Jahr an einem Tag seine Fans dazu einlädt, Spieler und Trainer zu treffen.
Keine Absperrungen. Keine PR-Leute im Weg. Hallo sagen, Hände schütteln, vielleicht ein oder zwei Autogramm bekommen und die Fragen stellen, welche schon länger im Kopf schwirrten.
Der Sportdirektor ist auch da. Auch die Co-Trainer und einige Helden vergangener Tage. Oh, und erwähnte ich, dass es Bier gibt? Und einen Gratis-Helikopterflug über das Stadion. Und eine Hüpfburg in Form eines Fußballplatzes. Was könnte man mehr wollen?

Aber nicht nur dieses Fest, auch die hier erfahrenen Umstände sind für ihn aus seiner Sicht sensationell.

Dies ist ein Fußball-Club von Fans für Fans. Ein Fanvertreter hat einen ständigen Sitz im Aufsichtsrat, welcher ein Vetorecht bei allen Transfers über einer Größenordnung von 300.000 Euro hat. Felix Magath hatte versucht das zu ändern. Danach war er nicht mehr lange Manager.
Dauerkarten haben vernünftige Preise. Im Umkreis von 50 Meilen gibt es kostenlosen Transport zu Heimspielen.

Seinen Text schließt Neil Cameron quasi mit einer Liebeserklärung.

Ich kam aus Deutschland mit einem neuen Lieblings-Club zurück. Ihre Öffentlichkeitsarbeit wirkte auf mich, dabei bin ich eigentlich fast unheilbar zynisch bezüglich allem, was Fußball-Clubs anstellen.
Soviele junge Menschen zu sehen, Jungen und Mädchen, allesamt in Blau gekleidet, die einen wunderschönen Tag haben, schafft es, dass Du Teil des Ganzen sein möchtest.

Die Überschrift seines Textes lautet übrigens:
„Newcastle United should take note of Schalke 04, a club that is perfectly run“

Bei aller berechtigten Kritik, an Dingen die nicht so gut laufen, taugt dieser Text eines von der anderen Seite Blickenden vielleicht als guter Anlass, mal inne zu halten und sich darüber zu freuen, was man hat.

Amen.



17 Kommentare zu “Der Blick der Anderen auf Schalke 04”

  1. McP sagt:

    Ein Verein, für den Frau Huppenkothen ein Herz hat, hat immer auch ein paar hübsche Aspekte.

  2. dreiköpfiger Affe sagt:

    „Unter den Blinden ist der Einäugige König“ fällt mir dazu ein.

    Aus Sicht eines Engländers ist so ein Tag vermutlich unvorstellbar. Ich stelle mir gerade vor, wie Joel Glazer und Wayne Rooney durch 100.000 United Fans schlendern…köstlich…
    Für Glazer könnte das aber schlecht enden.

    Wie es in England läuft wissen wir alle. Preise, Club Besitzer, Salami Spieltag (eher schon Wurstbrät statt Salami) und kein Free TV. Da nimmt man so einen Tag ganz anders auf.

    Danke Torsten, dass du uns auch mal so eine Sichtweise vorstellst. Du hast Recht, das sollte etwas erden.

  3. Federbusch sagt:

    Toller Fund, danke.

  4. OLiver Mertens sagt:

    Nicht nur in England ein Modell

    Ich lebe in Stuttgart und bin mit einigen VfB-Fans befreundet. Die reagieren ähnlich ungläubig-staunend. Sowohl was die Bindung der Fans zu ihrem Verein angeht als auch was die Nähe des Vereins angeht. Auch wenn die Kluft zwischen Verantwortlichen und Fans bei uns immer wieder angeprangert wird habe ich das Gefühl, dass wir bei aller berechtigten Kritik im Vergleich zu anderen Vereinen auf einem verdammt hohen Niveau jammern.

  5. Tobias sagt:

    Durchaus interessant und auch einige Punkte, die nachvollziebar sind.

    Nur halte ich mal den „sensibly priced tickets“ die Preisentwicklung der letzten Jahre entgegen. Nachzuschlagen in Farbe in der neuen 11 Freunde. Sensibel erscheinen mir Preiserhöhungen von 51 % und 73 % eher weniger…..
    Und an den Eintrittspreisen und den Leuten, die sich Fußball noch leisten können, mache ich faktisch den vielbesungenen und vermarkteten „Kumpel- und Malocherclub“ nun mal am ehesten fest.

  6. ozzi sagt:

    Dieser Artikel sollte allen eine Warnung sein, wie weit es kommen kann und in England schon gekommen ist.
    Trotzdem kann sich jeder mal überlegen, ob wir uns oft „lieber“ über Negatives ärgern als über Positives zu freuen.

    @Tobias: Gegen die Eintrittspreise in England ist die BULI definitiv „günstig“. Die Vermarktung als „Kumpel- und Malocherclub“ ist trotzdem zum Fremdschämen.

  7. Tobias sagt:

    @ozzi: Das ist mir durchaus bewusst, dass die Buli im Vergleich zur PL ein echter Schnapper ist, was nichts an der exorbitanten Preiserhöhung für die Spiele des S04 der letzten Jahre ändert.
    Wenn dann zeitgleich die genannte Vermarktung als „Kumpel- und Malocherclub“ bis ins lächerliche vorangetrieben wird, ist dieses in der Tat zum Fremdschämen.

  8. Սաշա sagt:

    Ich fürchte diese Herangehensweise wäre fatal. Nur weil man sich über Negatives ärgert haben wir noch so viel Positives. Allerdings halte ich die Entwicklung hin zu „Englischen Verhältnissen“ für eine Frage der Zeit. Ich bin sogar überrascht, an welchem Punkt wir erst angekommen sind. Vor ein paar Jahren hatte ich mir vorgestellt, dass diese Entwicklung zum heutigen Zeitpunkt schon deutlich weiter vorangeschritten wäre.

    Allerdings sind die nächsten Entwicklungsschritte schon absehbar. RB drängt in die Erstklassigkeit, wo Wolfsburg, Hoffenheim und Leverkusen schon länger angekommen sind. Der FC Bayern, Dortmund, nun auch der HSV sind anteilig in fremden Händen und ich fürchte es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Bundesligisten ähnlich vorgehen, weil es anders nicht mehr möglich sein wird mitzuhalten. Zudem wird die Bundesliga durch den deutschen WM-Titel und auch Dank des Bayern-Triples 2013 immer interessanter für Investoren jeglicher Art. Das könnte sich als Treibstoff für eine beschleunigte Entwicklung erweisen.

    Der Kumpel- und Malocherklub ist natürlich auch heute schon nichts anderes als reines Marketing und hat mit der Realität wenig zu tun. Aber gutes Marketing braucht es nunmal, wenn man dafür sorgen will, dass Chinesen wie Amerikaner gleichermaßen fehlerfrei „Mia san mia“ sagen können, während sie im Thomas-Müller-Trikot zum lokalen Oktoberfest gehen.

  9. Hendrik sagt:

    Dass Manuel Neuer immer noch „Gelsenkirchens liebster Sohn“ ist, wage ich doch zu bezweifeln…

  10. Netsmurf sagt:

    Leider wissen einige das, was wir auf Schalke „noch“ haben, nicht zu schätzen. Wir haben noch unseren e.V., das Training ist in der Regel nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit, die aktuelle Kartenpreise sind keine Bundesligaspitze (auch nicht der billige Jakob) und die Vereinsführung nimmt die Fans sehr wohl zur Kenntnis.

    Aber Kritik und Unmut wird deutlich häufiger kommuniziert als die Anerkennung bzw. ein Danke. Das trifft nicht nur auf Schalke zu.

    Das einige über die Anpassung der „alten“ Kartenpreise verschnupft sind, ist normal, vielleicht sogar berechtigt. Aber wenn ich dann sehe, das Paderborn noch über unseren Preisen liegt, dann relativiert sich das für mich zunehmend.
    Mal kurz einen Schwenk zum Kumpel: Die Jungs im Bergbau waren alles, aber keine Geringverdiener! Gemessen an der harten Arbeit und dem Risiko keine Spitzengehälter, aber im Vergleich zu einigen anderen Malochern schon ein wenig Besserverdiener.

    Der Schalketag paßt in das angestrebte Image. Die Marke Schalke soll ja entwickelt und vermarket werden. Ich bin gespannt, ob das mit der Marke Schalke als Verein und Kumpel-und Malocherklub zu einem ausreichendem wirtschaftlichen Erfolg führt. Tendentiell finde ich es erstmal richtig, das wir uns anders positionieren, als es der an den Titeln gemessen erfolgreichere Mitbewerb es tut.

    In dem Bericht finde ich es interessant, das es kein englisches Wort für Bratwurst gibt. Grillen die keine Würste ;-)
    Und auch das bei uns keiner betrunken war, kann ich nicht immer nachvollziehen. Am Sonntag habe ich in Block O Leute gesehen, die sahen beim gehen aus, als hätten Sie Seegang…. ;-)

    Ich mag meinen Verein! Wäre ich nicht als gebürtiger Gelsenkirchener parteiisch, dann würde ich das ähnlich begeistert wie Nils Cameron sehen.

  11. leoluca sagt:

    Dieses wohltuende Lob über unseren Club zeigt ja auch, wie weit es mit dem Kommerz im Mutterland des Fußballs bereits gekommen ist.

    Frei nach dem französischen Philosophen Michel Foucault könnte man auch sagen:

    Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.

  12. zechbauer sagt:

    Bitteschön. ;)

  13. RWDJojo sagt:

    Und auch das bei uns keiner betrunken war, kann ich nicht immer nachvollziehen. Am Sonntag habe ich in Block O Leute gesehen, die sahen beim gehen aus, als hätten Sie Seegang…. ;-)

    möglicherweise definiert der Engländer „Betrunkensein“ etwas anders. Immerhin konnten die Leute noch laufen ;-)

    Im Vergleich zu England, ist Deutschland und Schalke im Speziellen sicherlich ein Schlaraffenland. Dem sollte man sich bewusst sein, aber dennoch kritisch sein, da der Trend auch bei uns in Richtung englische Verhältnisse geht. Ob es jemals soweit kommen wird, weiß man nicht. Aber man sollte es verhindern.

  14. Nick sagt:

    Nur ein kleiner Einwurf: Man muss in England schon deutlich zwischen Premier League und anderen Ligen unterscheiden. Zwar sind die Preise auch unterhalb der PL vergleichsweise hoch, aber solche Sachen wie Tage der Offenen Tür oder Familientage gibt es dafür auch bei diversen Klubs. Und selbst in der ersten Liga ist sowas nicht gänzlich unbekannt. Newcastle United ist aber zurzeit ein besonders abschreckendes Gegenbeispiel, was etwa Öffentlichkeitsarbeit angeht.

  15. Daniel sagt:

    Die „Vermarktung zum Kumpel und Malocherclub“ ärgert mich momentan auch am meisten. Klar, Gazprom ist eh kacke, aber diese Hochglanzbilder von der Zeche direkt in die Arena rein sind so unfassbar schlecht. Die Marktetingabteilung setzt auf die völlig falschen Ideen..
    Und die Engländer? Die haben dank Thatcher seit Ewigkeiten „ihren“ Fussball verloren..

  16. Torsten sagt:

    Klar, Gazprom ist eh kacke, aber diese Hochglanzbilder von der Zeche direkt in die Arena rein sind so unfassbar schlecht. Die Marktetingabteilung setzt auf die völlig falschen Ideen..

    Das sehe ich vollkommen anders. Auch wenn „Kumpel- und Malocherclub“ daneben ist, halte ich die Vermarktung als „Zechen-Verein“ – eben mit den Bildern in den Katalogen oder auf den Plakaten – für sehr passend und als Marktinginstrument perfekt.

    Es ist eben nicht frei erfunden, der Background ist echt. Ohne Zeche Consol gäbe es Schalke 04 heute nicht, Schalke war ein Werksclub, wie Leverkusen übrigens. Und es ist ein Alleinstellungsmerkmal. So gibt es das in der Liga nirgendwo.

  17. Ney sagt:

    So ganz verstehe ich ebenfalls nicht, wieso das „unfassbar schlecht“ sein soll. Gelsenkirchen hat(te) eine Bergbau-Tradition, die letzten Zechen sind so ewig lange noch gar nicht dicht (Hugo 1997, Ewald 2001), und in Bottrop und Marl fördern sie noch. Neben der maßgeblichen Unterstützung von Schalke 04 durch Consolidation (bzw. Fritz „Papa“ Unkel) in der frühen Vereinshistorie spielt auch eine Rolle, dass ein erheblicher Teil der Anhängerschaft eben jahrzehntelang aus dem dominierenden Industriezweig der Stadt und Nachbarstädte stammte.

    Um den Bergbau gibt es einiges an Folklore (Liedgut, Kumpelromantik etc.), auf die sich zu beziehen ich aufgrund unserer Vereinsgeschichte für nicht abwegig oder ehrenrührig halte. Wenn man allergisch auf ein paar harmlose Bergbau-Fotos reagiert, müssten doch konsequenterweise auch das Steigerlied oder die Bezeichnung „Knappen“ – sowieso mehr ein früher Vermarktungseinfall denn eine Tatsache – in die Tonne gekloppt werden.

    Und „Schalke“ stünde auch auf dem Prüfstand, schließlich kicken sie längst nicht mehr dort (SCNR).

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