Home Ground: Closed

Am 23. Januar verstarb meine Mutter, so plötzlich und unerwartet wie mein Vater zwei Jahre zuvor. Gestern übergab ich die Schlüssel der leergeräumten Wohnung an den Vermieter. Nach den zwei Abschieden von meinen Eltern war das ein dritter: Der vom Ort meiner Kindheit und Jugend, von der Nachbarschaft, der Gegend. Von meinem Home Ground.

Als wir einzogen war ich 6 Jahre alt. Neubauten für Familien mit Kindern, unweit des Duisburger Wedaustadions. Fünf Mehrfamilienhäuser, die sich Grünflächen, Parkplatz und Spielplatz teilten. Einen wenig spektakulären Spielplatz: Ein Sandkasten, eine Rutsche, eine Turnstange und eine Tischtennisplatte. Das wichtigste waren aber zwei Bänke, denn das waren unsere Tore.

Die Tischtennisplatte war im Weg und die Bänke standen sich nicht mal gegenüber. Aber sie standen vor Wänden, waren also nach hinten geschlossen. Und sie hatten keine Lehnen. Sie bestanden aus dicken Holzplanken, die an den Enden auf Betonwürfeln auflagen. Der Platz zwischen den Betonwürfeln bildete die Kästen, in die es reinzukicken galt; und wir kickten mit allem was rund war.

Es gab Tennisball-, Plastikball- und Lederballphasen. Der Lederball schenkte das Gefühl des „echten Fußballs“, war aber laut wenn er gegen Wände prallte, was schon mal die eine oder andere Beschwerde zufolge hatte. Plastikbälle hielten meist nicht sehr lang, da der Spielplatz von undefinierbarer Bepflanzung mit Dornen gesäumt war, und diese Bälle unberechenbar- und früher oder später immer in solche Dornen flogen. Zumeist hatten wir also Tennisbälle am Fuß, welche auf dem gummierten, aber recht harten Boden schnell waren und auch gut zu unseren kleinen „Toren“ passten. Wir spielten immer, denn irgendwer war immer da. 4 gegen 3, 2 gegen 1, auch 1 gegen 1, Turniere oder nur so, vollkommen egal. Stundenlang, in den Ferien ganze Tage. Und jahrelang bis einer nach dem anderen dem Hofgekicke entwuchs. Auch ich.

Wann es für mich anfing aufzuhören weiß ich nicht genau, aber die gute Nachbarschaft blieb immer. Für meine Mutter bis zuletzt. Mehrere der damals gleichzeitig eingezogenen jungen Familien wurden gemeinsam alt, verbrachten Jahrzehnte gute Zeiten miteinander und halfen sich gegenseitig. Auch ohne meinen Vater, ihrem Mann für mehr als 54 Jahre, wollte meine Mutter dort nie weg. Es ist mir ein Trost, dass mit der Plötzlichkeit ihres Todes ihr großer Wunsch in Erfüllung gegangen ist, bis zuletzt im Kreis dieser Nachbarschaft gelebt zu haben.

Nach ihr, und nach insgesamt 37 Jahren, warf ich gestern als letzter unserer kleinen Familie einen Blick auf den Spielplatz. Er wurde umgestaltet, die Bänke stehen nicht mehr wo sie einst standen. Es waren keine Kinder zu sehen. So viele Kinder im ähnlichen Alter, wie nach dem Einzug in die Neubauten, wird es dort nie mehr geben. Mein Ground hat seine Blütezeit lange hinter sich.
Gestern habe ich Tschöö gesagt.



26 Kommentare zu “Home Ground: Closed”

  1. Rjonathan sagt:

    Lieber Torsten, ein ganz großartiger Text, der an die eigene Kindheit denken lässt. Man weiß gar nicht was man schreiben soll. Nur so viel:
    Mein allerherzlichstes Beileid.

  2. Melodie 1904 sagt:

    Wir müssen alle oft Abschied nehmen und manchmal tut es richtig weh.Auch von mir aufrichtiges Beileid zum Tod deiner Mutter.

  3. detlef sagt:

    Ich mag solche Geschichten, noch mehr wenn sie dann noch so grossartig geschrieben sind.

    Ich hab selbst grad zurück gedacht wo und mit was ich selbst gekickt habe.

    Danke.

  4. peterausge sagt:

    Ich kann es sehr gut nach empfinden. Ich war auch vor ca 3 Wochen an alter „Wirkungsstätte“. Bei mir ist es nur ein „wenig“ länger her. :-) Auch dort hat sich vieles verändert. Es wohnen dort auch „nur“ noch alte Menschen.
    Ich hatte natürlich alles viel größer in Erinnerung.
    Du hast es sehr gut beschrieben.
    Mein Beileid, Torsten.

  5. Daniel sagt:

    An dieser Stelle zunächst mein aufrichtiges Beileid! Ich kann dieses gefühl ein Stück nachempfinden. Letzten Monat habe ich unerwartet 2 Familienmitglieder verloren. Auch ich dachte danach an die Zeiten als ich klein war und an die Zeit die ich bei Ihnen verbrachte. Wenn ich jetzt Geschichten von früher, meinen Kindern erzähle, hat es gleich noch einen höheren Wert für mich.

  6. eakus1904 sagt:

    Auch von mir nochmal mein aufrichtiges Beileid, Torsten.

    So traurig dieser Anlass des Textes ist, umso mehr bringt er eigene Erinnerungen zum Vorschein. Diese Tischtennisplatte in der Mitte kenne ich zu gut. Wir sind mehrfach dran verzweifelt, genauso wie an den Metallgestängen, an denen die Wäscheleinen aufgehangen werden konnten. Die waren häufig mal im Weg und sorgten für dröhnende Schädel oder blutige Nasen. Andererseits dienten sie auch hervorragend als Tore.

    Dennoch, diese Zeit will man nicht missen und erinnert sich sehr gerne zurück.

  7. ReinerEdelmann sagt:

    Viel Kraft, Torsten!

    Das ist Dein Home Ground, das bleibt Dein Home Ground. Für Dich faktisch closed, nicht aber in der Erinnerung.

  8. #Link11: L’age d’Oar | Fokus Fussball sagt:

    […] Wieland (Königsblog) hat seinem Home Ground Tschöö […]

  9. mykx sagt:

    Schöner Text. Ähnlich ging es mir unlängst, als wir die Wohnung meiner Oma ausräumten, in der ich große Teile meiner bewussten Kindheit verbrachte. Im Hof, die Tore, die eigentlich Wäschestangen waren… hach…

  10. Barbara sagt:

    Das geht mir wirklich nahe. Ich wünsch Dir viel Kraft für die kommende Zeit!

  11. Christof sagt:

    Vielen Dank für diesen Text! Er hat mich tief berührt.

    Mein aufrichtiges Beileid!

  12. Oli4 sagt:

    Wunderschön und traurig zugleich.

  13. Stadtneurotiker sagt:

    Sehr schöner Text. Vielen Dank!

  14. leoluca sagt:

    Lieber Torsten, das ist ein mich bewegender Text. Zu deinem Trost kann ich aus familiärer Erfahrung sagen, wie groß das Glück deiner Mama war, ihren Lebensabend in vertrauter Nachbarschaft verbringen zu dürfen. Diese Nähe war offenbar so gut, dass du auch beim Rückblick aufs Kicken intensiv an sie denken musst. Das ist schön.

  15. Chris sagt:

    Sehr schöner Text. Mit Erinnerungen, die wohl viele, die zu diesen Zeiten aufgewachsen sind, sehr gut nachvollziehen können. Mein aufrichtiges Beileid zum Tod deiner Mutter. Sind sie nicht letztlich unser erster Homeground überhaupt?

  16. Stephen aus Bonn sagt:

    Ein sehr anrührender Text – herzlichen Dank dafür!
    Mein herzliches Beileid, Torsten!

  17. Werda sagt:

    großartiger Text – und ganz ehrliches Beileid.

  18. Stefan sagt:

    Hallo Torsten,

    genau die richtige Einstellung! Die meisten Menschen die Abschied von ihren liebsten nehmen müssen, denken an die Zeit die sie nicht mehr zusammen erleben werden. Nein man muss an die schöne Zeit denken, die man zusammen verbringen durfte. Da ich meine Eltern schon mit 16 verloren habe, kann ich auf solange verbrachte Zeit nur mit Neid reagieren. Ich wünsche dir Kraft und immer einen schönen Gedanke an die gemeinsame Zeit.

    Glück auf Stefan

  19. Frank aus Rheinhessen sagt:

    Du hast mich mit den emotionalen Zeilen mitgenommen und eine gleichzeitig traurige aber auch schöne Sicht gegeben. Mein aufrichtiges Beileid aus Rheinhessen.

  20. Donauschalker sagt:

    Mein Beileid für deinen Verlust.

    Ich musste an meine Jugend denken und wie es nun dort ist.

    “ Mein Ground hat seine Blütezeit lange hinter sich.“

    In die Straße wo wir hinzogen, gab es am Anfang nur zwei Familien mit Kindern. Der Rest war genauso trostlos und die „alten“ erzählten immer von den vielen Kindern die in der Straße spielten. Nun, acht Jahre später hat sich es „wieder“ umgekehrt. Die Familien mit Kindern sind wieder in Überzahl und auf der Straße Spielen wieder die Kinder.

    „Der Kreislauf des Lebens!“

  21. BlueNote sagt:

    Berührende Zeilen die mir sehr nahe gehen. Ich wünsche Dir, dass Dein engagierter und uns immer wieder wieder überraschender Blog und das Teilhaben lassen an Deinen jüngsten Verlusten und Deinen Gedanken zum Thema Abschied, Dir ein wenig dabei helfen, die schwere Zeit der Trauer ein kleines bisschen erträglicher zu gestalten.

  22. Jana sagt:

    Lieber Torsten, mein Beileid für Deinen Verlust. Danke für Deine Zeilen, sie berühren mich sehr und wecken Erinnerungen. Zum Verlust eines geliebten Menschen kommt noch der Verlust eines Ortes, der immer mit der Kindheit verbunden ist. Die Erinnerung bewahrt man wie einen Schatz. Ich wünsche Dir viel Kraft. Du bist nicht allein.

  23. Königsblau MS sagt:

    Back to the roots, wunderbar verschriftlicht. – Mein Beileid zum Todesfall.

  24. Jod sagt:

    Unglaublich schöner Text. Erinnert mich an Stätten meiner ersten fußballerischen Gehversuche. Teppichklopfstangen und Garagentore, Büsche und Hausmauern statt Toren mit Netzen. Beton, Sand, Steppe, Wiese statt gemähtem Rasen.

    Mein Beileid zum Todesfall.

  25. Frankblauweiss sagt:

    Ein wunderbarer berührender Text,
    Abschied nehmen von DEM Ort, erinnert mich
    an Kindheitstage, Gezeter am Samstagnachmittag,
    wenn die Tore zum Wäscheaufhängen und Teppichklopfen
    mißbraucht wurden. Macht einem das älterwerden bewußt.

    Mein herzliches Beileid.

  26. Lutt sagt:

    Bewegend, Torsten. Ich glaube, du hast in deinem Text Dinge beschrieben, die fast jedem (Ü30) was in Erinnerung rufen, mit denen jeder schon zu kämpfen hatte oder sich identifizieren kann.

    Mein Beileid.

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