Artikel im Januar 2016

Liebster Award

Schalker sind Traditionalisten. Ich bin Blogger. Eine Blogger-Tradition sind Stöckchen. Bei Blog-Stöckchen werden Fragen durch Blogs geschmissen, andere Blogs werden zur Beantwortung eingeladen, über Links werden die Blogs vernetzt. Der „Liebster Award“ ist nichts anderes, eines der Relikte, die aus einer längst in der Versenkung verschwundenen Blogkkultur übrig geblieben sind.

Ich wurde von Trainer Baade nominiert. Und hier sind meine Antworten auf seine Fragen:
 
 
 
Wieviel Zeit widmest Du dem Bloggen und wie wählst Du Themen aus?

Ich widme Schalke 04 unfassbar viel Zeit. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht mit irgendwem über die aktuellen Themen zu diesem Club austausche, sei es im persönlichen Gespräch oder über Netzwerke. Dabei entstehen die Themen automatisch, meine Seite ist schließlich ein Meinungsblog. Wenn ich erst mal denke, dass das, was ich gerade gedacht habe, in einem formulierten Text zu einer Diskussion anregen könnte, ist der Text letztlich flott formuliert.
 
 
Was sind die – sagen wir mal drei – schönsten Momente, die Dir das Bloggen beschert hat?

Die Schreiberei hat mein Leben vor allem dadurch bereichert, dass sie meinen Bekannten- und Freundeskreis erweitert hat. Ich schreibe nun seit 9 Jahren, da kommt man mit vielen Leuten in Kontakt. Einige treffe ich regelmäßig, ein paar sind Freunde geworden, mit denen ich längst kaum noch übers Bloggen rede. Herr Baade sei hier erwähnt, der mir diesen Award zuschusterte.

Das ist das tollste. Aber ja, dass Texte von mir in Zeitungen veröffentlich wurden, oder dass ich am Spielfeldrand, vor einer Sky-Kamera stand und interviewt wurde, waren Highlights, „Erfolge“ für einen, der vor 9 Jahren einfach drauflos schrieb. Schöne Momente.
 
 
Welcher Spieler hat Dich begeistert/geprägt?

Manuel Neuer. Sowohl begeistert, als auch geprägt.

Begeistert, weil er einfach von Beginn an besonders war. Diese Fähigkeit, in einen Flow zu kommen und dann nahezu unbezwingbar zu werden. Für Schalke war er mehrmals erfolgreicher Einzelkämpfer hinter einer nicht sattelfesten Abwehr. Er kreierte besondere Erinnerungen.

Er prägte mich, indem er mich durch seinen Wechsel abstumpfte. Nie wieder könnte sich ein Spieler authentischer mit Schalke identifizieren, als dass ich nicht daran denken würde, wie echt Manuel Neuer Schalker war, vielleicht ist, und letztlich doch ein Schmierentheater aufführte.
 
 
Bitterster Moment mit Deinem Verein?

Schalker nenne an dieser Stelle in der Regel den 19.05.2001, aber ich war damals ja noch nicht so weit. Für mich war es der 27.04.2007. Als Schalke am 31. Spieltag als Tabellenführer in Bochum verlor und der VfB Stuttgart bis auf einen Punkt aufschloss. Als Schalke früh 1:0 führte, als Schalke zur Halbzeit 1:2 zurücklag, als es in der zweiten Hälfte Zeit für das Meisterstück war, als Schalke daran scheiterte. Als ich dort stand, im Ruhrstadion, mit mehr Schalkern als Heimfans, alle in Weiß. Ein furchtbarer Tag.
 
 
Ist die Bayern-Dominanz in der Bundesliga aus den Fugen geraten, wird es in den nächsten Jahren dauerhaft langweilig, was die Meisterschaft angeht? Stört Dich das?

Ja, ja und ja. Aber Fußball wird von Fans anders gefühlt, nur so lässt es sich erklären, dass die Stadien trotzdem voll sind. Ich vermisse die Spannung um die Meisterschaft. Ich wünschte, es gäbe im europäischen Fußball ein ausgleichendes System, ähnlich dem Talente-Draft-System und dem Salary Cap in den US-Ligen. Aber parallel zur Meisterschaft geht es für alle Clubs eben immer um eigene Ziele, was auch Spannung schafft. Die Hälfte der Bundesligisten kam in den letzten 50 Jahren nie in die Nähe einer Meisterschaft, und die Leute gehen trotzdem ins Stadion.
 
 
Wie schaust Du Fußball im TV?

Am eigenen TV-Gerät gar nicht mehr. Ich nehme mir die Sportschau per onlinetvrecorder auf und schaue sie mir im Laufe der Woche am Rechner an, um die anderen Clubs im Blick zu behalten. Schalkes Heimspiele sehe ich im Stadion und für die Auswärtsspiele fahre ich in Kneipe in Mülheim an der Ruhr, die garantiert immer die Spiele der Blauen zeigt. Tatsächlich wäre ein Sky-Abo letztlich billiger, aber ich habe mich bewusst für die Kneipe entschieden. Dort sind immer dieselben Leute. Man kennt sich, man quatscht ein wenig. Häufig kommt mein Sohn mit, wir kommen prima mit der Straßenbahn hin, haben ein paar Stunden Vater/Sohn-Zeit. Der Wirt grillt zur Pause. Die Leinwand ist riesig. Ich habe das WLAN-Passwort erraten und es hat sich seit 2 Jahren nicht geändert. Die Umstände machen den Mehrwert gegenüber der Fußballübertragung auf der heimischen Couch.
 
 
Hast Du einen Zweitverein? Wenn ja, welchen und warum?

Natürlich sind mir einige Mannschaften sympathischer als andere, aber nein, einen „Zweitverein“ habe ich nicht. Ich schaue danach, wie sich Meiderich schlägt. Ich bin Duisburger. Als ich Kind war, war der MSV noch ein wichtiger Teil dieser Stadt. Aber heute ist er das längst nicht mehr, und ich nehme die Ereignisse um den MSV wahr wie alle anderen Lokalnachrichten auch, es titscht mich nicht an.

Aber mehr noch als Fußball ist Baseball mein eigentlicher Lieblingssport, das tollste Spiel von allen. Baseball habe ich selbst länger gespielt als Fußball. Für Baseball haue ich mir die Nächte um die Ohren. Und auch dort gibt es ein Team, in das ich mich einst verliebte, vor 28 Jahren, die Los Angeles Dodgers. Königsblau. Ein Club mit überragender Geschichte, Tradition. Ein großer Club, mit vielen Fans. Ein trotzdem chaotischer Club, der seit langem auf die nächste Meisterschaft wartet.

Vielleicht liegt‘s an mir.
 
 
Was ist Deine Meinung zu den Plastikklubs und dem Bashing derselben?

In meinem Blog bemühe ich mich stets um eine klare Meinung, aber mit diesem Thema tue ich mich sehr schwer. Schalke 04 war in seinen Anfängen ein Werksclub. Ohne die Unterstützung der Zeche Consol würde es den Club in seiner heutigen Form nicht geben. Ohne Mäzenatentum würde es ganz viel Amateurfußball nicht geben.

Ich möchte gerne, dass die Bundesliga interessant bleibt. Ich möchte, dass um diese Liga Geschichten erzählt werden, dass die Liga möglichst viele „Traditionsclubs“ hat. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die 50+1 Regel der Bundesliga zu diesem Ziel führt.

Ich sehe, dass in der Bundesliga trotz der 50+1 Regel Clubs wie Wolfsburg und Hoffenheim möglich sind. Demnächst steigt Leipzig auf, ein Fußballclub als ausschließliches Werbemittel für eine ekelhafte Brause. Da funktioniert was nicht.
Umgekehrt gehören die Clubs der englischen Premier League zwar fremdländischen Investoren. Diese investieren aber eben in fanreiche Traditionsclubs. Wenn ein Premier League-Spieltag stattfindet jubelt meine halbe Twitter-Timeline irgendwelchen englischen Clubs zu. Diese Clubs und ihre Fans identifizieren sich weiterhin über ihre Tradition. Wer da das Geld gibt spielt eine untergeordnete Rolle.
 
 
Schönstes Stadion Deutschlands?

Schalkes Stadion ist prima. Aber ich bin 43 Jahre alt, und wenn ich nach Charme befragt werde, nenne ich Gladbachs alten Bökelberg. Ich mochte die Enge, dass es da so steil war. Ich mochte die alte Anzeigetafel. Und letztlich war es eben auch „heiliger Boden“, weil dort eine Zeit lang die beste Mannschaft Europas spielte.
 
 
Rotwein oder Flaschenbier?

Ich bin einer dieser Typen, die über Versandhandel teures Bier bestellen, die Flaschen vor dem trinken knipsen und bei untappd einstellen. Ich spreize aber nicht immer den Finger. Im Stadion geht auch Veltins.
 
 
Schönstes Trikot ever (nicht unbedingt von Deinem Verein)?

Trikots sind mir nicht wichtig. Für Schalke gilt: Hauptsache einfarbig blau. Und das nächste, das keine Gazprom-Werbung trägt, wird gekauft. Aus Prinzip.
 
 
 
Das war’s.

Ich nominiere hiermit Schwarz und Blau, SG Neureich Bimbeshausen, Unter Tage, den Fenster Rentner und den Turnhallen Phil.
 
 
Eure 11 Fragen lauten …

1. Was war Dein erstes Fußballspiel und wie ging es aus?
2. Wie kam es zu der kruden Idee, ein Blog zu eröffnen?
3. Wer war als Kind Dein Lieblingsspieler und wer ist es heute?
4. Wann warst Du mit Deinem Club zum letzten Mal vollkommen glücklich?
5. Wie erlebst Du Fußballweltmeisterschaften?
6. Wann hast Du zum letzten Mal einer Fußball-Radioübertragung gelauscht?
7. Hast Du selbst Fußball gespielt? In welchem Club, wie lange?
8. Wie ist Deine Meinung zur 50+1 Regel?
9. Welche war für Dich die spannendste Saison und warum?
10. Warum war „früher“ nicht alles besser?
11. Und warum hat Deiner Meinung nach ein solch chaotischer Club wie Schalke 04 eigentlich so viele Fans?

Horst Heldts letzter Umbruch?

In Kürze wird Joel Matip verkünden, wie es für ihn nach Ablauf seines aktuellen Vertrags mit dem FC Schalke 04 weitergehen wird. Die Medien gehen davon aus, dass er sich mittlerweile für einen Clubwechsel entschieden habe.

Derzeit bildet er mit Roman Neustädter die Innenverteidigung der Blauen. Roman Neustädters Vertrag läuft ebenfalls aus. Dass der Club mit ihm über eine Verlängerung verhandeln würde war bislang nirgends zu lesen. Neustädter wird mit einem Wechsel nach Russland in Verbindung gebracht.

Benedikt Höwedes liebäugelte bereits letzten Sommer mit einem Clubwechsel. Seinen Verbleib begründete er damit, dass er zur Unzeit des Tullus‘ nach Roberto Di Matteos Entlassung den Verein nicht im Stich lassen wollte. Falls richtig ist was kolportiert wird, dass sein Vertrag eine Ausstiegsklausel zu 12 Millionen Euro beinhaltet, wird er im Sommer alle Möglichkeiten haben, seine Zukunft selbst zu entscheiden. In Zeiten der Geldflut aus England stellen 12 Millionen Euro eine alberne Summe dar, als Preis für einen so renommierten Spieler wie Benedikt Höwedes.

Wann Matija Nastasic wieder vollkommen fit sein wird ist offen, wann er wieder in Form sein wird erst recht. Kaan Ayhan soll sich in Frankfurt beweisen, im ersten Spiel schaffte er es nur auf die Bank. Und dann sind da noch Marvin Friedrich, 20 Jahre, 243 Bundesliga-Minuten, und Thilo Kehrer, 19 Jahre, der noch auf sein Debüt wartet.

Dem FC Schalke 04 droht im Sommer mehr oder weniger die komplette Innenverteidigung wegzuplatzen, ohne dass dabei auch nur annähernd die entsprechenden Einnahmen zu generieren wären. Es wäre ein nächster Umbruch, dann wohl der letzte von Horst Heldt zu verantwortende.

Beißender Reporter, bellender Manager

Gestern Abend war ich Zuschauer einer Podiumsdiskussion zum Thema „Sportjournalismus im digitalen Zeitalter“. Heutzutage flutetet die DFL und fluten die Fußballclubs den Nachrichtenmarkt mit eigenen Storys. Dies sei kein Journalismus, sondern Content Marketing, waren sich alle Diskutanten einig, auch der Mann der DFL. Sich davon abzugrenzen, Qualität zu liefern, sei die Aufgabe des Sportjournalismus. Allerdings würde die gute Arbeit des Verbandes und der Clubs wirken, bemerkte Pit Gottschalk, neuer Chefredakteur Sport der Funke Mediengruppe. Dadurch würde unter Fans ein Wir-Gefühl erzeugt. Eine kritische Berichterstattung würde nur noch von einem kleinen Teil geschätzt, der Großteil würde kritische Berichterstattung eher als Angriff auf den geliebten Club auffassen.

Eben das erlebte man gestern am Beispiel der Berichterstattung des Sky-Reporters Dirk große Schlarmann zu Clubinternen Problemen mit Trainer André Breitenreiter.

Flott stürmte er los, der Shitstorm. Ein profilierungssüchtiger Reporter sei er, was das mit Journalismus zu tun hätte, und dass stets BILD und Sky sowieso nur stören würden, und überhaupt hätte doch „Ralle“ gesagt, dass das „Schwachsinn“ sei, und Hotte, es sei „Banane“.

Entscheidend aber war, wozu Horst Heldt neben dem lauten „Wahnsinn“, „Schwachsinn“ und „Blödsinn“ eben nichts sagte. Dazu, dass Spieler und Mitarbeiter unzufrieden wären. Dazu, dass Breitenreiter nicht seine Wahl, sondern die Clemens Tönnies‘ sei. Dazu, dass er selbst lieber einen anderen Trainer verpflichtet hätte.

Letztlich haben damit beide ihren Part gut gespielt. Dirk große Schlarmann ist integrer Reporter, er denkt sich nichts aus, er berichtet was es zu berichten gibt. Horst Heldt bellte laut und konnte damit bei vielen Fans punkten. Außerdem wird er in seiner Aussage, es gäbe keine Trainerdiskussion auf Schalke, sicherlich von allen Verantwortlichen im Club unterstütz werden. Dieses Fass wird nun nicht noch mal geöffnet. Horst Heldts Zeit auf Schalke geht zuende, die nächste Trainerfrage entscheidet sein Nachfolger.
 
 
Ein PS:
Nach der Pressekonferenz mit André Breitenreiter zum Spiel gegen Darmstadt
 

Enttäuschender Jahresauftakt

Schalke 04 verliert sein erstes Pflichtspiel des Jahres 2016 mit 1:3. Werder Bremen war ein schwacher Gegner. Schalke scheiterte trotzdem.

40 Minuten war Schalke dominant. Über rechts hatten Junior Caicara und Leroy Sané keine Gegenwehr, kamen stets bis zur Grundlinie wenn sie denn wollten. Im Zentrum ließ sich Max Meyer im Spielaufbau tief fallen, Johannes Geis kippte dafür nicht mehr so häufig zwischen die Innenverteidiger wie in der Hinrunde. Man kam regelmäßig flott in die Bremer Hälfte und man konnte sich dort regelmäßig bis in den Strafraum durchsetzen. Schalke hatte Chancen für zwei Spiele. Schalke hätte zur Halbzeit mit 3:0 führen müssen. Aber Klaas-Jan Huntelaar ist leider nicht mehr der Knipser, der er in seiner einen, überragenden Saison für Schalke war. Und Schalkes Verteidigung war zu sorglos. Deshalb stand es stattdessen zur Pause 1:1.

Der Bremer Treffer vor der Halbzeit erwischte die Blauen kalt. Es war fast so, als hätten man sich davon nicht mehr erholt. Was Schalke in der zweiten Halbzeit bot war schwach. Hinten weiterhin offen, vorne durchsichtig. Überraschendes brachte nur Leroy Sané auf den Platz, aber auch er hatte keinen glücklichen Tag, auch er rettete Schalke nicht mehr.

Und dann schaut man zu, und hofft. Aber es nützt nichts. Man hofft, dass die Mannschaft dem Gegner taktisch überlegen ist. Aber das war sie nicht. Man hofft, dass die Einzelspieler besser als ihre Gegenüber sind. Doch solches durchzusetzen gelang auch nicht. Man hofft, dass die Mannschaft den Gegner in Grund und Boden rennt. Aber kämpfen können eben alle.

Was bleibt ist Ernüchterung. Werder Bremen hat wirklich nichts Besonderes auf den Platz gebracht. Dass Schalke gegen einen so spielenden Gegner daheim verliert, ausgeruht, aus einer ausdauernden Vorbereitung kommend, auch noch nach guter Anfangsphase und früher Führung, ist einfach sehr enttäuschend.



Foto: Tomek Bo

Schlecht vorbereitet in die Rückrunde

Jetzt geht’s endlich wieder los. Endlich wird es wieder Spiele geben, die zu bewerten es wert sind. Endlich beginnt wieder der Fußballrhytmus. Die Winterpause ist für mich furchtbar. Ich möchte nicht über Gerüchte schreiben. Ich will keinen Carlos Zambrano und keinen Kevin Vogt bewerten, bevor es nicht klar ist, dass er wirklich verpflichtet wird. Festzustellen bleibt aber, dass Schalke 04 einmal mehr schlecht vorbereitet in die nächste Halbserie startet.

Ähnlich wie im Sommer, als man Julian Draxler einen Tag vor Transferschluss ziehen ließ, als man keine Alternative in petto hatte. Im Laufe der Hinrunde wurde die Vermutung zur Gewissheit, dass der Kader zu dünn besetzt sei. Dass man im Winter nachlegen müsse. Die durchaus lange Vorbereitung auf diese Transferperiode war aber wenig erfolgreich, denn der Stand der Dinge in der dritten Januarwoche ist, dass der Kader weiterhin zu dünn besetzt ist. Dass der Kader keine Verletzung eines Innenverteidigers kompensieren kann, dass man nun erneut auf dem letzten Drücker nach geeigneten Spielern sucht. Einer, dem dann kein Trainingslager mit dem Kader zuteil wurde, der Zeit zur Eingewöhnung brauchen wird.

Flickwerk, das man nicht „Planung“ nennen sollte.

Das skurrile Fernsehtestspielniederlagenerlebnis

Ich gehöre zu denjenigen, die geschnittenes Brot einfrieren. Wenn ich mir morgens, gleich nach dem Aufstehen, ein paar Scheiben aus der Kühltruhe hole, sind sie zur Frühstückszeit im Büro aufgetaut. An die feinen Poren meiner Brotscheiben, an deren Kälte sich die Luftfeuchtigkeit niederschlägt und einen weißen Film hinterlässt, erinnerte mich der neue, gefeierte Boden des Stadions in Ostwestfalen, auf dem sich Schalke 04 gestern die Ehre gab, ein wenig schlecht fußballzuspielen.

Das Spiel störte den Blick auf den Rasen, das Zuhören Jörg Dahlmanns störte es nicht. Es passierte schließlich kaum was, so dass sich Dahlmann fast volle 90 Minuten austoben konnte. Er feierte schon mal den seines Erachtens designierten Manager des FC Schalke 04. Er erzählte seine Version des Bundesliga-Skandals in aller Ausführlichkeit. Er erinnerte sich an tolle Fotos von Spielerfrauen. Er kam von Hölzken auf Stöcksken, streifte alle Gerüchte, sah Elfmeter, fand Schalke fröhlich.
Er füllte die fußballleere Übertragung mit verbalen Blubberblasen. Was mich genervt hätte, hätte ich mich aufs Spiel konzentrieren wollen, fand ich ab dem Moment, da feststand, dass es keinen Fußball zum darauf konzentrieren geben würde, tatsächlich amüsant. Der Punkt der Ernsthaftigkeit musste einfach überschritten werden.

Das ward er früh. Darum war’s egal. Die Fehlpässe. Die nicht mit nach hinten laufenden Offensivspieler. Diese ganzen schwachen Schüsse Richtung Tor. Alles irgendwie albern. Sonntag geht’s los. Dann gibt’s wieder Fußball.

Vermutlich.

„Mehr wie ‘n Hobby“

Ich mag es, wenn Menschen klar und fest in ihrer Haltung sind. Wenn sie mit sich im reinen sind und wenn sie die Dinge, an die sie glauben, auch nach Jahren noch begeistern. János Kereszti hat solche Menschen gefunden. An Gott Gläubige und an Fußball Gläubige. Für die ARD hat er einen Film gemacht, der die Parallelen aufgezeigt.

Vorgestellt wird eine Schalker Familie, die zu siebt die Spiele zelebriert, und einen Werder-Fan, der in der Gemeinde des Stadions seine Behinderung vergisst. Ich mag es, wenn Menschen klar und fest in ihrer Haltung sind; ich selbst scheitere doch zu oft.
Ich bin Christ, aber doch stets zweifelnd. Ich bin Schalker, aber doch häufig arg routiniert. In der katholischen Gemeinde, in der ich vor 10 Jahren mit meiner kleinen Familie eine Heimat gefunden habe, ist mir sehr viel Gutes wiederfahren. Auf Schalke, in das ich mich vor langer Zeit verliebte, habe ich viele tolle Stunden erlebt. Und doch finde ich es schade, dass es mir nicht gelingt, mich im Glauben fallenlassen zu können. Und doch finde ich es schade, dass mir zu häufig auf Grund des vermeintlichen Wissens darum, was mich auf Schalke erwartet, die nur aus Unwissenheit entstehende Spannung abgeht.

Insofern zeigt dieser Film für mich beneidenswert glückliche Menschen zu einem bedenkenswerten Thema. Jetzt in der Mediathek anzuschauen. Ziemlich genau bis zum Spiel des FC Schalke 04 gegen Werder Bremen.