125 Tage Ohne

Heute ist es endlich soweit. Schalke 04 lädt zum ersten Heimspiel der Saison. Gegen wen ist mir dabei egal. Das letzte Heimspiel ist 125 Tage her. Ich hab`s vermisst.

Vor 125 Tagen war Markus Weinzierl noch als Trainer des FC Augsburg zu Gast. Es war der 33. Spieltag, der 7. Mai, ein Samstag, Anstoß um 15:30 Uhr. Das letzte Heimspiel André Breitenreiters als Schalke-Trainer endete 1:1. Nach dem Abpfiff gab es warmen Applaus von den Rängen. Wohltuend, nach dem Gezeter in der Saison zuvor, die mit dem Rauswurf Roberto Di Matteos endete. Aber irgendwie auch unverständlich, schließlich war die Saison einmal mehr derart, dass nach Abpfiff niemand wirklich traurig war, dass sie nun endete.

Natürlich ist man als Schalker neuanfangerfahren. Natürlich hat man jeden „Jetzt aber“-Text mehrfach gelesen, lediglich die Namen änderten sich beizeiten. Natürlich ist es weder Vergessen noch Verdrängen, natürlich ist einem stets bewusst wie es das letzte Mal endete; oder das Mal zuvor. Aber 125 Tage sind eine lange Zeit. Und letztlich ist es der Zauber des Daseins als Fußballfan, dass man es immer wieder schafft, einen Glauben an ein besseres Morgen zu entwickeln. Das ist auch bei mir nicht anders. Trotzdem habe ich den Stadionbesuch in den letzten Wochen nicht wegen fehlender sportlicher Spannung vermisst. Vielmehr fehlte er mir als Ritual.

Bei allem Alltag ist für mich das auf Schalke fahren eine Auszeit. Sitze ich erst im Zug Richtung Gelsenkirchen, denke ich nur noch an die Probleme des gerade amtierenden Trainers statt an meine eigenen. Für ein paar Stunden gibt es nichts zu planen, nichts zu erledigen. Mal regt mich auf was ich sehe, mal freut es mich. Mal bin ich laut, mal ruhig. Nichts davon hat Konsequenzen. Zu treffende Entscheidungen beschränken sich auf so leichte Fragen wie ob ich meine Knappenkarte für ein weiteres Bier auf den Tresen lege, oder ob ich mit dem nächsten Fan ein Gespräch beginne. Immer ist wer da den ich kenne, aber immer kann ich mich auch einfach nur auf meinen Platz setzen und meine Ruhe haben, wenn mir gerade danach ist. So einfach habe ich es sonst nirgendwo.

Mal verzichten ist immer gut, wenn was fehlt fühlt man seinen wahren Wert. Aber selbst der Bibel reichen 7 Wochen. 125 Tage war zu viel. Gut, dass es nun wieder losgeht. Egal gegen wen.



13 Kommentare zu “125 Tage Ohne”

  1. derwahrebaresi sagt:

    So ist es!
    Auf einen unterhaltsamen Abend und ein spannendes Spiel,
    mit einem hoffentlich positiven Ausgang für den geilsten
    Club der Welt.

  2. SpeedGlas sagt:

    Du hast es perfekt beschrieben Torsten. Fährt man in Richtung GE zum Heimspiel kann man den Alltag für ein paar Stunden vergessen. Aktuell bin ich auch noch ausgerechnet in München auf Montage und bin nur fürs heutige Heimspiel nach Haus gefahren, weil ein Flug wegen der Wiesn einfach zu teuer gewesen wäre.

  3. Karsten sagt:

    Jetzt wollte ich Dir sagen, gegen wer heute zu Gast kommt, aber es fällt mir partout nicht ein. Egal, wird schon nix wichtiges zu sein. Hau’n wa wech!

  4. Detlef sagt:

    Sehr schöner Text, der mich zum Nachdenken bringt. War ich gegen Augsburg im Stadion? Was ist für mich der Besuch eines Heimspiels des S04? Denke ich auf der Fahrt Richtung GE auch nur an Fussball und das drumherum?

    Keine Ahnung. ich weiß nur, wenn ich den ersten Förderturm von der A2 aus sehe hüpfe ich im Autositz. Das bleibt mir heute leider versagt, da ich keine Karte habe. Aber in nicht ganz 2 Wochen ist die Wartezeit für mich auch rum.

    „Jetzt aber Texten“ bin ich mittlerweile ein wenig überdrüssig, ich hoffe wie alle Schalker zwar darauf das gerade jetzt was passiert, aber ich denke, dass das nicht sofort, vielleicht nicht einmal in dieser Saison, sondern erst mittelfristig passieren wird.

    Aus diesem Grund ist der Gegner heute auch irgendwie egal.

    @Karsten
    „Hau’n wa wech!“
    Davon gehe ich doch mal aus.

  5. eakus1904 sagt:

    Schöner Text, Torsten. Mir geht es genau so. Schalke ist immer die Abkehr vom alltäglichen, der Ausbruch aus dem Alltagstrott. Wenn man das Trikot anzieht, ist man plötzlich irgendwie „anders“. Und hat trotzdem ne Menge Gleichgesinnte um sich. Ein schönes Gefühl.

    Wird natürlich umso schöner mit einem Sieg. Um mein Gott, warum eigentlich nicht??

  6. wilbor sagt:

    Sehr guter Text! Trotzdem stand das Team und die Leitung in den letzten Jahren oft davor, uns diesen Alltag, dieses Gefühl, diese Leidenschaft zu nehmen.

    Das ist das Erste, was wieder besser werden muss.
    Egal gegen wen, einfach gegen Jeden.

    Wir haben wieder lange genug (auf zugegeben nicht zu niedrigem Niveau) gelitten und umso stärker wird es mittelfristig bergauf gehen.

    Das Mittelfristige kann von mir aus auch heute schon beginnen. Da ist das Ergebnis dem „Wie“ total untergeordnet.

  7. Didi sagt:

    Wohl wahr! Ich bezweifle, dass andere Clubs in der Vielzahl solche Fans haben, wie unser Schalke 04. Wenn wir gleich auf die A45 auffahren, beginnt das immer wiederkehrende Spiel. Wir wetten gegeneinander, wie viele unterschiedliche Kfz-Kennzeichen von Fahrzeugen mit Schalke-Kennungen wir unterwegs sehen. Egal, ob Aufkleber, Nummernschild-Umrandungen, Schals, oder was auch immer. Derjenige,der die Zahl trifft, oder am knappsten verfehlt, wird in der Arena ausgehalten. Für heute habe ich 59 getippt! Mannheim, Stuttgart, Karlsruhe, Frankfurt, Regensburg, Straubing, Freiburg, Kaiserslautern (ich weiß auch nicht, warum die über die A45 fahren), Hanau, und, und, und ….. Das ist das, was die Fangemeinde des S04 so einmalig macht! Wir haben eine riesige Vorfreude, da ist es beinahe egal, wie hoch wir gewinnen!

  8. Lattenknaller sagt:

    So unterschiedlich können die Schalker Erlebniswelten sein. Nächste Woche sitze ich im Berliner Olympiastadion und es wird wie jede Saison das einzige Mal sein, dass ich Schalke live sehe. Ab und zu kommt mal die Gelegenheit in Hamburg dabei zu sein, ist aber eher selten.
    Ich warte also im Schnitt immer 364 Tage auf das nächste Spiel, das sind ganz andere Zeitspannen als eure einmaligen 4 Monate, ihr Memmen. ;-) Dementsprechend ist das auch ein ganz anderes Ereignis für mich, hat mehr den Charakter eines Konzertbesuchs.

    „neuanfangerfahren“ ist übrigens ein fürchterliches Wort beim Lesen, ich schätze, da mussten alle mehrmals mit den Augen drüber, bis der Groschen fiel.

  9. Lattenknaller sagt:

    Mal noch was anderes, kann mir einer von euch sagen, warum dieses Topspiel eigentlich heute am Freitag stattfindet? Bayern spielt bis auf die Saisoneröffnung quasi nie Freitag oder Sonntag, schon gar nicht 2x hintereinander. Irgendeine Demo oder ein Festival in NRW?
    Das Match ist ein absoluter Quotenhit und traditionell ein klassisches Samstagspiel. Ich verstehe es nicht, hat jemand eine plausible Erklärung?

  10. SpeedGlas sagt:

    @Lattenknaller
    Meines Wissens nach geht doch am Sonntag das Oktoberfest los. Möglicherweise erwartet man dazu die Mannschaft des FCB.

  11. Simon sagt:

    @Lattenknaller: Vielleicht weil nächste Woche die CL beginnt, Bayern am Dienstag spielt und man sich bei der DFL in solchen Dingen ja gerne behilflich zeigt, um endlich „das verdammte Schicksal“ (K. Rummenigge) im Fußball auszumerzen.

    Ich persönlich finde die Ansetzung aber gar nicht so verkehrt. Die Freitagabendheimspiele liefen für uns ja in der Vergangenheit meist recht ordentlich.

  12. CarstenS04 sagt:

    Ich freu mich wie bolle

    ich Trikot über,in der Skylounge platz nehmen, gut gekühlter Hafersmoothie in der Hand und meine Frau am Grill damit ich zur Halbzeit meine Stadionwurst bekomme^^

    ich sag mal GEEEIIIILLLLLL und Glück auf

  13. Carlito sagt:

    Ein geradezu philosophischer Text! Sehr schön!

    Und ich verpass(t)e aufgrund von Urlaub und ner spontanen Dienstreise gleich auch noch das erste und das zweite Heimspiel. Nicht schön. Denn es fehlen die Rituale rund ums Heimspiel, das Treffen mit den Kumpels, die gemeinsamen Bierchen und das gemeinsame Freuen und/oder Ärgern. :(

Schreibe einen Kommentar