Das schlappe Machtwort Clemens Tönnies‘

Clemens Tönnies muss sich am 26. Juni der Mitgliederversammlung des FC Schalke 04 zur Wiederwahl stellen. Entsprechend hätte er die Lage des Clubs gerne ruhig und erfolgreich. Doch dem Trainer weht der Wind hart ins Gesicht und der Sport- und Kommunikationsvorstand ist nur noch auf Abruf im Amt. Schalke drohen schwierige Wochen bis Saisonende. Wochen die Führung verlangen. Aber der neue starke Mann ist noch nicht da. Es ist eine missliche Lage, in die sich Schalke 04 da gebracht hat.

Im jüngsten Schalker Schubidu führten Befindlichkeiten zu Unmut. Horst Heldt monierte, er hätte gehört Christian Heidel habe gesagt, er sei ab dem 16. Mai voll und ganz für Schalke 04 zuständig. Dabei habe er, Horst Heldt, doch einen Vertrag bis 30. Juni, und mit ihm wäre nichts anderes abgesprochen. Christian Heidel hingegen hatte gesagt, dass er seinen Vertrag mit Mainz 05 am 16. Mai auflösen würde. Wann die Übergabe auf Schalke stattfinde, sei noch nicht geklärt. „Kinderkacke“ sagt man hier in der Gegend zu solchen Problemen. Aber die Reaktion Horst Heldts beweist, dass die Nerven blank liegen.

Berechtigt war hingegen die Aufregung um Skys Unverschämtheit gegenüber Trainer André Breitenreiter. Es war also einiges los, auf und um Schalke, und weil Christian Heidel noch nicht da ist, und weil er ja auch sonst gerne redet, fragte die WAZ bei Clemens Tönnies nach. Dass die WAZ Clemens Tönnies‘ Aussagen als „Machtwort“ benannte, darf als nette Geste erachtete werden. Clemens Tönnies sagte nichts Wichtiges. Er konnte nichts Wichtiges sagen. Er ist ohnmächtig gegenüber einem Sport- und Kommunikationsvorstand, dessen Job er ihm eh schon weggenommen hat. Er kann den Trainer nicht schützen, weil das im Verantwortungsbereich Christian Heidels liegt. Und er will gerade jetzt auch nicht als Basta-Boss auftreten, weil das seinen clubinternen Kritikern in die Karten spielen würde.

Entsprechend trudelt Schalke dem Saisonende entgegen. Die Idee eines sauberen Wechsels – Horst Heldt nicht vorzeitig freizustellen sondern seinen Vertrag nicht zu verlängern, einen neuen Mann mit Ablauf des Vorgängervertrags einzusetzen – hatte Charme, ich fand das gut. Mittlerweile zweifle ich.
Ich würde mir wünschen, dass Horst Heldt vor dem Heimspiel gegen Augsburg einen Blumenstrauß und einen warmen Applaus bekommt. Aber eine Woche später, nach dem 34. Spieltag, heute in 27 Tagen, muss natürlich Schluss sein für ihn, auf Schalke. Falls er das nicht versteht, braucht es doch noch ein Basta.

Strafraumbus & Sky-Unverschämtheit

Schalke 04 verliert 0:3 in München. Ein dem Spielverlauf angemessenes Ergebnis. Ein Spiel, aus dem ich keine Punkte erwartet habe, in dem mich das Herangehen der Blauen trotzdem ärgerte. Und ein Spiel, dass das erste Ärgernis schon vor dem Anpfiff bot.

In der Pressekonferenz zum Spiel stellte André Breitenreiter bereits heraus, dass der FC Bayern in allen Statistiken führend sei, dass München stets sehr viel Ballbesitzt habe, dass man entsprechend wenig Mitspielen zu erwarten habe und dass man selbst deshalb krasser Außenseiter sei. Entsprechend sah das Spiel aus.

Es ist anzunehmen, dass André Breitenreiter in der Teambesprechung nicht sehr viel Zeit zum Thema „mit Ball“ verschwendet hat. Schalkes „Matchplan“ sah vor, sich mit neun Spielern in zwei Reihen eng gestaffelt vor dem eigenen Strafraum zu platzieren um „die Null zu halten“. 45 Minuten hat das gut funktioniert. In der Halbzeit passte Bayern-Coach Guardiola das Spiel seines Teams an, neun Minuten später war für Schalke alles vorbei.

Jens Keller sagte vor einem Spiel in München mal, am besten stelle man den Mannschaftsbus in den Strafraum. Er staffelte seine Mannschaft entsprechend und ging unter. Nun machte es André Breitenreiter genauso. Fürchterlich!

Dies ist die Pokalspiel-Herangehensweise eines Viertligisten bei einem Proficlub, der versucht sich irgendwie in die Lotterie eines Elfmeterschießens zu retten – nur ohne Chance auf Elfmeterschießen. Ich kann gut damit leben, dass Schalke Fußballspiele verliert. Ich käme auch prima damit klar, wenn sich Schalke für keinen internationalen Wettbewerb qualifiziert. Aber das hier ist Schalke 04, eben kein Viertligist! Alles was ich will ist – und ich denke das ist sehr legitim, sogar in der Idee des Spiels verankernt – dass in den Trikots meines Clubs eine Mannschaft auf den Platz geht, die alles daran setzt ihre Fußballspiele zu gewinnen. Immer. Egal gegen wen!

Manchmal hat man Pech. Manchmal funktioniert einfach nichts. Manchmal ist der Gegner einfach besser. So ist Fußball eben. Aber sich derart nichts zuzutrauen, sich derart mit halbem Fußball zufriedenzugeben, sich derart selbst klein zu machen: Das ist unnötig, denn mehr als zu verlieren kann nicht passieren! Es ist schändlich den Fans gegenüber, die stets hoffen und an ihr Team glauben. Und es ist dieses Clubs unwürdig. Das ist keines Profifußballclubs würdig!
 
 
Ecki Heusers Respektlosigkeit

Ein anderes Themenfeld aber ebenso unwürdig war das Sky-Interview vor dem Spiel, dessen sich André Breitenreiter stellen wollte. Ich gehöre wahrlich nicht zur Fraktion derjenigen die behaupten, an den Unruhen auf Schalke wären die Medien schuld. Meines Erachtens sind die Probleme zu 90% hausgemacht. Meines Erachtens tut sich André Breitenreiter mit seinen regelmäßigen Medienschelten auch keinen Gefallen, er reibt sich an Nebenschauplätzen auf. Am Samstag war seine Gelassenheit allerdings bewundernswert.

Sky-Mann Ecki Heuser wollte kein Interview zum Spiel. Er konfrontierte André Breitenreiter stattdessen mit den Gerüchten um Markus Weinzierl als sein Nachfolger, nicht einmal, sondern wiederholt, mit ekelhafter Penetranz. Auf Schalke stellt sich gerade kein Vorstand und kein Aufsichtsrat hinter den Trainer. Das in einer ersten Frage zu thematisieren mag durch die öffentliche Debatte eventuell noch legitimiert sein. Aber André Breitenreiter hat diese erste Frage gut gekontert. Und es war ein Interview vor einem anstehenden, schweren Spiel für des Trainers Mannschaft.

Was Heuser ablieferte war ein hässliches Schauspiel. Er wollte Breitenreiter vorführen, ihn vor laufender Kamera in die Enge treiben. Heuser hätte es als Erfolg gewertet, wäre Breitenreiter die Contenance abhanden gekommen. Es gelang ihm nicht. Letztlich geht André Breitenreiter aus dieser Konfrontation als Sieger hervor. Denn die Unanständigkeit des Pressemanns sorgte deutschlandweit für Solidarität mit dem Trainer, nicht nur von Schalkern.



Foto: Tomek Bo

Happy Weekend (5)

Nun also Schalke 04 gegen Bayern München. Mich macht diese Begegnung wehmütig. Bayern München ist die Konstante im Leistungs-Auf und Ab der Bundesliga. Wie immer sich auch der eigenen Club entwickelt, Bayern München stellt die Spitze dar. Selbst dann, wenn zwischendurch mal ein anderer Club Meister wurde, wurden diese Meisterschaften an der Leistung des FC Bayern bemessen.

Seit 2007 schreibe ich regelmäßig im eigenen Blog über Schalke 04. Anfangs war Schalke ein ernsthafter Meisterschaftskandidat, waren die Begegnungen gegen München absolute Topspiele. Wenige Jahre später war der Abstand größer, aber Schalke war immerhin noch ein ernstzunehmender Gegner. Mittlerweile ist Schalke 04 in einem Spiel gegen Bayern München „krasser Außenseiter“, wie Trainer André Breitenreiter bei der gestrigen Pressekonferenz vollkommen zutreffend formulierte. In den knapp 10 Jahren, in denen sich Bayern München vom Top-Club der Liga zu einem Top-Club der Fußballwelt entwickelt hat, hat Schalke 04 die eigene Spielstärke von der eines Clubs aus der Bundesliga-Spitzengruppe zu der einer talentierten Mannschaft mit Chancen auf die Europa League-Teilnahme heruntergemanagt. Aktuell hat Bayern München in der Bundesligatabelle 30 Punkte mehr als Schalke 04.
 
 
Auf’m Platz

Die Personallage der Blauen kann als „unverändert“ betrachtet werden. Natürlich sind Benni Höwedes und Leon Goretzka nicht dabei. Auch Marco Höger und Matija Nastasic sind noch nicht einsatzbereit. Ob Atsuto Uchida überhaupt nochmal für die Blauen aufläuft, würde ich als fraglich erachten, und über den Fall Sidney Sam wagt kaum noch jemand auch nur zu sprechen. Marvin Friedrich und Thilo Kehrer sind laut André Breitenreiter „einfach noch ‘n Tick zu weit weg“, so dass sie für ihn nicht infrage kommen und sich die Defensive durch die Verletzten und die Gelbsperre Sead Kolasinac‘ mehr oder weniger von alleine aufstellt.

Wie der FC Bayern antreten wird könne man nicht wissen, vielleicht spiele er ja mit einer B-Elf, sagte André Breitenreiter in der Pressekonferenz. Er wollte Lockerheit darstellen, er fand das witzig. Ich fühlte mich wie bei einem Adam Sandler-Film.

 
 
Daten und Drumherum

Samstag, 18:30 Uhr ist mittlerweile der „normale“ Termin für ein Spiel zwischen München und Schalke. Von den letzten sechs Begegnungen fanden fünf samstags um 18:30 Uhr statt – das eine andere Spiel fiel auf einen Dienstag/Mittwoch-Spieltag.

Bei den Blauen droht gleich vier Spielern die fünfte Gelbe Karte und damit eine Sperre im Spiel gegen Leverkusen: Dennis Aogo, Johannes Geis, Max Meyer und Roman Neustädter. Bei Bayern München ist kein Spieler von einer Sperre gefährdet.

Mit der Bilanz der letzten Spiele will ich unsere Stimmung nicht unnötig runterziehen. Bei den Wettanbietern bekäme man für einen Schalke-Sieg jedenfalls 13 für 1.

Schiedsrichter der Partie wird Tobias Welz aus Wiesbaden sein; schon wieder. Im Februar leitete er Schalkes Spiel gegen Wolfsburg. Im März leitete er Schalkes Spiel in Berlin. Dies ist nun also sein April-Auftritt.

Googles Wetterdienst sagt für Samstagabend in München übrigens vereinzelte Gewitter voraus. Gegen 18:30 Uhr soll es 14° C haben, die Niederschlagswahrscheinlichkeit wird mit 59% kalkuliert.

Heute hat Sladan Peric Geburtstag. Der nun 34-jährige, dänische Innenverteidiger kam für die Blauen zwar nie zu einem Pflichtspiel, gehörte aber zwischen 2000 und 2002 dem Kader an. Mittlerweile kickt er bei Vejle Boldklub in der zweiten dänischen Liga.
Sonntag hat kein Schalker Geburtstag, Samstag dafür gleich fünf: Karl Zank, Detlev Szymanek, Otto Schweisfurth und Karl Loweg.
Karl Loweg war einst Torhüter und kam in der Saison nach Schalkes letzter Meisterschaft 1958, als Nummer 2 hinter Manfred Orzessek, zum FC Schalke 04. An ihm kam er nicht vorbei, aber im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister stand er gegen die Wolverhampton Wanderers sowohl im Hinspiel, als auch im Rückspiel im Tor. Nicht zuletzt dank seiner starken Leistung konnte sich Schalke mit 2:2 und 2:1 durchsetzen. Erst im Viertelfinale schied Schalke – ohne Loweg – gegen Atletico Madrid aus. Loweg wechselte in der folgenden Saison zum KSV Hessen Kassel und ließ auch noch weitere Stationen folgen. Mit Hessen Kassel wurde er noch Süddeutscher Meister, 9 Jahre später wurde er mit Bad Homburg noch mal Amateuermeister. Anlässlich seines 75. Geburtstags vor zwei Jahren wurde ihm in den lokalen Zeitungen als „Elfmetertöter und Löwen-Idol“ sowie als „Held vom Bieberer Berg“ gedacht.
 
 
Mehr Schalke

Schalkes Regionalligamannschaft wird am Samstag um 14 Uhr bei der SSVg Velbert antreten. Das Spiel findet in der Christopeit Sport Arena statt. Schalkes U23 musste sich zwar unter der Woche mit 0:1 gegen Alemannia Aachen geschlagen geben. Davor hatte man aber in sechs Spielen fünfmal gewonnen und ein Remis geholt, so dass sich die Blauen mitterweile aus den Abstiegsrängen befreien konnten und mit 40 Punkten auf Rang 10 platziert sind.

Norbert Elgerts A-Jugend spielt am Samstag um 11 Uhr in Ückendorf gegen den 1. FC Mönchengladbach. Die Gladbacher hatten zuletzt 0:4 und 0:7 verloren. Davor konnten sie aber ausgerechnet das Spiel gegen Spitzenreiter Borussia Dortmund knapp halten (2:3).

Schalkes B-Jugend spielt am Sonntag um 11 Uhr bei den Sportfreunden in Siegen.
 
 
Und sonst?

Ansonsten hat Schalkes nächster Manager Christian Heidel bekanntgeben, dass er am 15. Mai – einen Tag nach dem 34. Spieltag – seinen Vertrag mit Mainz 05 auflösen und die Geschäfte an seinen Nachfolger Rouven Schröder übergeben wird. Zukünftig wird Christian Heidel in Essen wohnen, er zieht mit Frau und Kind ins Ruhrgebiet. Während Horst Heldt einst medienwirksam über irgendwelche Bannmeilen schwadronierte, Spielern ihren Wohnort vorschreiben wollte und doch selbst immer noch in Düsseldorf wohnt, ist Heidel damit gleich ganz nah dran.

Und während Schalke pause machte, lieferten sich zwei von Christian Heidels Trainerentdeckungen mit ihren Mannschaften am Donnerstagabend ein großartiges Fußballspiel. Ein Spiel mit einem unglaublichen Ausgang, der mich lächeln ließ …
 

 
 
So. Schönet Wochenende, bis Montach.

Weinzierl? Ma‘abwarten

André Breitenreiters Tage seien auf Schalke gezählt, Schalkes neuer Manager Christian Heidel wolle Markus Weinzierl zum Schalke-Trainer machen. Dies ist nach der Berichterstattung zum Derby die Top-Story zu Schalke 04, dieser Tage.

Da Christian Heidel noch in Mainz weilt und sich entsprechend kaum zu Themen um die Blauen äußert, lassen sich solche Storys aktuell prima strecken. Vor nicht allzu langer Zeit wurde mit gleichem Nachdrang von den gleichen „Quellen“ kundgetan, Lucien Favre sei längst als nächster Schalke-Trainer ausgemacht.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Christian Heidel auf Schalke einen neuen, dann eben „seinen“ Trainer installieren möchte. Könnte sein, dass der dann Markus Weinzierl heißt. Oder Lucien Favre. Ich kann mir ebenso gut vorstellen, dass es ein ganz anderer werden könnte, einer mit dem niemand rechnet, den kaum einer kennt, so, wie Christian Heidel es in Mainz mit seinen letzten Trainerverpflichtungen auch hielt. Und aus der Erfahrung des Schalkers, der schon so viele unterschiedliche Trainer mehr und weniger erfolgreich, oft kürzer und selten länger auf Schalke wirken gesehen hat, mag ich mir über das Potenzial unbenannter und nur eventueller S04-Trainer keine weitergehenden Gedanken machen.

Tatsächlich freue ich mich auf Christian Heidel. Ich verbinde mit ihm gradliniges Handeln und er hat in Mainz bereits bewiesen, dass er seine Entscheidungen nicht unbedingt von kurzfristigen Erfolgen abhängig macht. Nach dem Hin und Her auf Schalke in der Vergangenheit, nachdem sich so viel, was anfangs gut aussah, später doch als nicht so toll erwies, bin ich bis auf Weiteres bereit, ihm blind zu vertrauen. Weinzierl? Favre? Breitenreiter? Sonstwer? Christian Heidels Entscheidung. Ich bin entspannt.

Gerechtes Remis im B-Team-Derby

Schalke 04 und Borussia Dortmund trennen sich 2:2. In der ersten Hälfte war es ein schlechtes, in der zweiten aber ein spannendes Derby, das beide Teams hätten gewinnen können.

Kurios: Da Schalke ohne die verletzten Benedikt Höwedes, Matija Nastasic und Leon Goretzka antreten musste, und da Trainer André Breitenreiter ohne Max Meyer, Dennis Aogo und Eric-Maxim Choupo-Moting starten wollte, ließ auch Borussen-Trainer Thomas Tuchel zunächst seine besten Spieler auf der Bank. Dies blieb nicht ohne Folgen. In der ersten Halbzeit war das Niveau der Partie unterirdisch.

„Scheiß Spiel, nä? Alles Taktik!“ sagte der zwei Plätze neben mir sitzende Opa in der 17. Minute zu dem neben mir sitzenden Enkel. Dabei spie er das Wort „Taktik“ aus als wäre es der Abschaum unter den Wörtern.
Wie er schauten auch alle anderen auf wenig Fußball. André Breitenreiter ließ seine Mannschaft mit einer 5er-Abwehrkette antreten. Die aufrückenden Außenverteidiger hatte Dortmund flott isoliert, auch die Anspielstationen im Mittelfeld wurden gut zugestellt. Mit dem Pressing des Gegners kamen die Blauen überhaupt nicht zurecht, für mehr als „hinten dicht“ reichte das Konzept nicht. Eine Halbzeit, die sehr an Schalkes Ex-Trainer Roberto Di Matteo erinnerte. Eine Halbzeit, in der auch Borussia Dortmund nichts aus seiner optischen Überlegenheit machen konnte. Ganz schlechter Fußball.

In der zweiten Hälfte wurde es unterhaltsamer. Dortmund wechselte Mkhitaryan, später auch Aubameyang und Gündogan ein. Breitenreiter wartete – natürlich, wie immer – bis zur 60. Minuten, brachte dann Max Meyer, löste endlich die destruktiv interpretierte 5er-Kette auf und gönnte seiner Mannschaft ein Offensivspiel. Ärgerlich, wie leicht man dem Gegner das Toreschießen machte, vor allem Dortmunds zweiter Treffer hätte so nie fallen dürfen. Aber toll, dass Schalke sich auch nach zwei Rückständen nicht aufgab, wie eben noch in Ingolstadt. Schalke kämpfte, gegen einen eigentlich überlegenen Gegner, und erreichte ein verdientes Remis, mit dem ich zuvor nicht gerechnet hätte.

Leroy Sané schoss ein Tor selbst und spielte den Pass vor der Situation, in der Klaas-Jan Huntelaar gefoult wurde und den Strafstoß zum zweiten Ausgleich bekam. Er ein überragender Kicker. Trotzdem würde ich Klaas-Jan Huntelaar als meinen „Spieler des Spiels“ nennen wollen.

Der Niederländer war in der ersten Halbzeit dramatisch unzufrieden. Schalkes Offensivspiel fand nicht statt, und als Caicara dann doch einmal durchbracht schoss er selbst, anstatt den besser postierten Stürmer anzuspielen. Huntelaar hatte Problemen mit der Bewachung durch die Dortmunder Innenverteidigung. Er wurde unfair, schlug um sich. Er ließ die Befürchtung zu, dass, würde der Schiedsrichter einmal besser hinschauen, Schalke das Spiel mit einem Mann weniger zu Ende bringen müsse.

Nach wie vor bin ich unglücklich mit der Art, wie Klaas-Jan Huntelaar nicht in das Schalker Spiel integriert ist. Vielleicht ist seine beste Zeit vorbei, vielleicht sollte man sich im Sommer von ihm trennen. Aber wenn man ihn aufstellt muss man dafür sorgen, dass seine Mitspieler ihn im Strafraum anspielen. Ohne dies lässt man ihn auf dem Platz verhungern. Doch in der zweiten Hälfte legte er los. Man merkte, dass er nun den Ball wollte. Er lehnte sich auf, er führte er sein Team an. Es war auch seine Körpersprache, sein Willen, der dazu beitrug, dass Schalke zweimal nach Rückstand zurückkam.

Der Titel dieses Textes und der zweite Absatz sind natürlich nicht ganz ernst gemeint. Dass Borussia Dortmund freiwillig ohne seine besten Spieler antreten kann und Schalke immer noch nicht zu einem überlegenen Spiel kommt, ist schon bezeichnend. Aber dass der Dortmunder Trainer auf diese Spieler verzichtet kann man Schalke nicht anlasten.
Ich fand es schade, dass Schalke nicht spätestens ab Mitte der ersten Hälfte mutiger nach vorne spielte. Man hatte das Gefühl, dass Dortmund in dieser Formation nicht besser konnte, dass sich Schalke aber auch nicht mehr traute. Erst als man zurücklag, als man „nichts mehr zu verlieren“ hatte, als man seinen Mut zusammennahm, kam man auch ins Spiel. Dabei gab es von Beginn an eigentlich nichts zu verlieren. Mit mehr Mut wäre gegen diese Dortmunder mehr zu gewinnen gewesen. Aber nunja …

Am Ende war es ein Punkt für die Blauen, mit dem ich zuvor nicht gerechnet hatte, dazu nach zweimaligem Rückstand. Es hätte schlimmer kommen können.



Foto: Tomek Bo

Der Blaue Mythos von der Gelben Geduld

Das Drumherum der Bundesliga ist hektisch, auf Schalke sowieso. Immer wieder wird Geduld gefordert. Gerade vor dem Derby wird Schalke da häufig mit Borussia Dortmund verglichen. Dabei wird Schalkes Hektik der angeblichen Geduld Borussia Dortmunds gegenüber gestellt.
André Breitenreiter erwähnte in der heutigen Ausgabe des kicker, Dortmund habe seinerzeit mit Jürgen Klopp „Ruhe bewahrt, sich zwei, drei Jahre Zeit gegeben“, was er sich auch auf Schalke wünsche, denn es brauche Geduld „um eine hungrige Mannschaft zu formen, die konstant Topleistungen abruft und in einigen Jahren um Titel mitspielt“. Ein Tag zuvor ließ man Felix Magath in Sportbild zu Wort kommen. In einem Artikel, in dem Schalkes Ex-„Trainager“ den Club umfassend kritisiert, lobt er Dortmunds „Stabilität“, durch die Klopp nie infrage gestellt worden sei. Selbst Ralf Fährmann nannte vor kurzem Borussia Dortmunds Zeit unter Jürgen Klopp als Beispiel für ein geduldiges Umfeld. Unter Fans gibt es den Vergleich der Blauen mit Borussia Dortmund seit Jahren zu hören. Eine Darstellung die zum Mythos avanciert. Ein Vergleich der gewaltig hinkt.

Nein, Fußballfans träumen nicht immer und ständig von der Meisterschaft, nicht mal auf Schalke. Zufriedenheit steht immer im Zusammenhang mit Erwartungen, und diese werden durch die Umstände, in denen sich ein Club bewegt, und durch die zuletzt erreichten Ergebnisse bestimmt. Grundsätzlich kann man sagen, dass sich Fans, ausgehend von den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, eine Verbesserung wünschen.

Bevor Borussia Dortmund in Jürgen Klopp den für diesen Club perfekten Trainer fand, hatte man diverse andere Trainer recht ungeduldig verschlissen. Von 2002 bis 2007 ging es Jahr für Jahr sportlich ein Stückchen bergab. Die finanziellen Probleme warfen einen Schatten auf den Club, 2005 stand man kurz vor dem Konkurs. Als Jürgen Klopp die Mannschaft im Sommer 2008 übernahm, hatte sich der BVB vier Jahre hintereinander nicht für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert und die vorherige Saison mit ungeduldigem Umfeld und doll’scher Wutrede auf Platz 13 abgeschlossen.

In der ersten Saison unter Klopp erreichte der BVB Platz 6, die beste Platzierung seit fünf Jahren. In der zweiten Saison qualifizierte man sich nach fünf Jahren erstmals wieder für den Europacup. In den folgenden vier Jahren wurde man zweimal Deutscher Meister, zweimal Vizemeister, gewann einmal den DFB-Pokal, erreichte das Champions League-Finale und ist seitdem der einzige ernstzunehmende Konkurrenz des FC Bayern in deutschen Fußball. Als im siebten Jahr plötzlich nichts mehr funktionierte, als Borussia zur Winterpause auf einem Abstiegsplatz stand, überschlugen sich die Zeitungen mit schlauen Artikeln die erklären wollten, warum Jürgen Klopp nicht mehr der geeignete Trainer sei. In der Folge gab er seinen Rücktritt zum Saisonende bekannt.

Letztlich war Jürgen Klopp sieben Jahre Trainer von Borussia Dortmund – nicht, weil das Umfeld so geduldig war, sondern weil er so lange ständig Erfolg hatte!

Auch auf Schalke bereiteten die Finanzen in der jüngeren Vergangenheit Sorgen. Trotzdem schafften es die Blauen, weiterhin stets um die Europapokalplätze mitzuspielen. Schalke erlebt gerade die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte seit Gründung der Bundesliga. In den elf Spielzeiten seit 2004/2005 kam Schalke achtmal unter die ersten vier. Unter Fred Rutten wurde man 2009 Achter und die vergangene Saison unter Jens Keller und Roberto Di Matteo wurde als Katastrophe angesehen – trotzdem qualifizierte sich Schalke mit Di Matteos sechstem Rang immer noch für die Europa League. Lediglich in der Saison 2010/2011 waren die Blauen von den Europacup-Plätzen weit entfernt und beendeten die Spielzeit auf Platz 14. Dafür gewann man in dieser Saison den DFB-Pokal und erreichte das Halbfinale der Champions League.

Die Erwartungshaltung auf Schalke ist somit letztlich der eigenen erfolgreichen Arbeit geschuldet. Das mag für André Breitenreiter, der bei der Forderung nach Geduld für sich und sein Tun wirbt, großen Druck bedeuten. Und ja, Zufriedenheit ist nicht ausschließlich ergebnisabhängig, begeistert die Spielweise, stimmt das Gefühl, gibt es auch nach nicht gewonnenen Spielen Applaus. Aber Apelle an Geduld reichen nicht, will man erklären, wieso beispielsweise ein sechster Tabellenplatz okay sein soll, wenn ein solcher unter einem anderen Trainer als furchtbar erachtet wurde. Geduld gibt es im Profifußball nur, solange Hoffnung auf ein besseres Weiteres besteht.

Auf Schalke wie in Dortmund, wie überall.



Foto: Thomas Rodenbücher

„Team Marktwert“

… oder: Diskussionswürdige Idee, aber chancenlos

Mitte letzter Woche sorgte eine Meldung für Aufsehen: Sechs Bundesligaclubs haben sich zu einer Gruppe formiert, die sich über eine Veränderung in der Verteilung der Gelder aus dem zukünftigen TV-Vertrag beraten will. Dabei soll das Geld nicht mehr nur nach dem Leistungsprinzip verteilt werden. Auch Faktoren wie Beliebtheit und Bekanntheit sollen als Faktoren geltend gemacht werden.

Die Gruppe gab sich den Namen „Team Marktwert“, und da es sich bei den sechs Clubs (Hertha BSC, VfB Stuttgart, 1. FC Köln, Hamburger SV, Eintracht Frankfurt und Werder Bremen) mehrheitlich um Bundesligisten handelt, die aktuell gegen den Abstieg kämpfen, waren die Häme-Kübel der social networks flott gefüllt. Diese Clubs suchten nach Geld, weil sie sportlich nichts mehr auf die Reihe bekämen, hieß es. Man hätte sich stattdessen lieber „Team Misswirtschaft“ nennen sollen. Diskutiert, oder auch nur auf die Pressemittelung der Clubs eingegangen, wurde kaum. Selbst ein Text bei Spiegel Online kommt zu einer Bewertung dieser Clubs als sportlich zu schlecht, ohne sich die Mühe zu machen auf Argumente für eine neue Gelderverteilung einzugehen. Schade, denn ein Blick darauf lohnt, meines Erachtens.
 
 
Was will „Team Marktwert“?

Die Gruppe will den Kriterien zur Verteilung der TV-Gelder eine dritte Komponente zufügen. Bislang werden zwei Drittel des zur Verfügung stehenden Betrags gleichmäßig an die Clubs verteilt, ein Drittel wird auf Grund sportlicher Ergebnisse zugewiesen. Dem Namen entsprechend möchte „Team Marktwert“ zukünftig eine Wertung einbeziehen, in der dargestellt wird, welcher Club wieviel Anteil am Wert der Bundesliga hat. Wie genau diese Wertigkeit festgestellt werden soll, dazu wird man noch nicht konkret. Es wird aufgeführt, dass diese aus „objektiven Kennzahlen wie Fanbasis, Beliebtheit, Bekanntheit, TV-Reichweite und Interaktionsraten in Social Media“ errechnet werden könnte. Die Gruppe versteht sich als nun startendes Projekt. Ausdrücklich werden andere Clubs – auch Zweitligisten – eingeladen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Weiterhin weist die Gruppe darauf hin, dass es in „allen großen internationalen Ligen (England, Spanien, Italien, Frankreich, Niederlande)“ ähnliche Verteilungsmodelle gäbe, bei denen 25 bis 30 Prozent der Medienerlöse nach Marktwert-Kriterien ausgeschüttet würden.
 
 
Was man dagegen haben kann

Wer bislang gegen das Vorhaben des „Team Markwert“ argumentierte führte vor allem an, dass sportlichen Ergebnisse bei der Gelderverteilung weniger gewichtet würden. Auch Schalkes zukünftiger Manager Christian Heidel, ein stets meinungsstarker Mann, brachte sich als Gegner des „Team Marktwert“ in Position. Er würde Leistung lieber höher bewerten. Bei den Ideen der Gruppe würde man sich auf Tradition berufen, die 50 Jahre zurückliege, aber nichts mit der Leistung der Clubs heute zu tun habe. In der Berliner Morgenpost sieht Journalist Uwe Bremer das Vorhaben des „Team Marktwert“ als einen Schritt zur Bundesliga als geschlossene Gesellschaft. Die Pläne zielten gegen das Verständnis von Sport und würden den „Kleinen“ das Aufsteigen erschweren.
 
 
Wieso ich den Ansatz des „Team Marktwert“ für bedenkenswert halte

Zunächst ist festzuhalten: Das Wort „Tradition“ kommt in der Mitteilung des „Team Marktwert“ nicht vor. Um die von der Gruppe genannten Kriterien einfließen zu lassen braucht es handfeste Kennzahlen. Diese zu verhandeln, festzulegen, und zu vermitteln ist die zukünftige Aufgabe der Gruppe. Es muss gewährleistet sein, dass Clubs ihre Kennzahlen verbessern können.

Grundsätzlich halte ich es keineswegs für irgendwie unfair, dass Clubs, die einen größeren Teil zur Attraktivität der Liga beitragen, davon auch monetär profitieren. TV-Gelder sind kein ausgelobtes Preisgeld einer neutralen Instanz. TV-Gelder werden bezahlt, weil sich die Rechte gut weiterverkaufen lassen, weil Zuschauer dafür bezahlen.

Meines Erachtens wird die Liga aber beständig unattraktiver. Clubs mit weniger Fananhang, die weniger Zuschauerinteresse generieren, deren Storys weniger Zeitungen verkaufen und weniger Klicks generieren, lösen Clubs ab, die für eine „bunte Liga“ sorgen. Das liegt keineswegs ausschließlich an guter Arbeit hier und schlechter Arbeit dort. Bei den „Werksclubs“ aus Leverkusen und Wolfsburg, sowie bei Clubs wie Hoffenheim und Leipzig versagte die Politik der Liga in Form der 50+1 Regelung, die sich, wenn es hart auf hart kommt, rechtlich nicht durchsetzen lässt.

Sind wir doch mal ehrlich: Würde die TSG Hoffenheim ausschließlich für ihren Anteil an der Attraktivität der Liga entlohnt, bekäme sie von den TV-Geldern wohl gar nichts ab. Aber die von „Team Marktwert“ vorgeschlagenen Kriterien sollen das Leistungsprinzip nicht ablösen. Sie sollen als zusätzliche Faktoren dazukommen. Wieso dies zu einer „geschlosseneren“ Bundesliga als heute führen sollte, kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Will man das Auf und Ab zwischen den beiden Profiligen fördern, muss man das Gefälle zwischen den beiden Ligen reduzieren und vielleicht die Relegation abschaffen. Das sind vollkommen andere Ansätze. Bislang ist nichts davon bekannt, dass das „Team Marktwert“ der zweiten Liga weniger Geld zukommen lassen will. Man will das Geld lediglich anders verteilen – auch im Liga-Unterhaus.

Meines Erachtens kann der Ansatz des „Team Marktwert“ für den deutschen Profifußball ein Instrument sein, auf rechtlich einwandfreiem Weg und transparent die für ein großes Publikum interessanten Clubs zu unterstützen und damit die Attraktivität der Liga bestmöglich zu bewahren.
 
 
Warum „Team Marktwert“ aber meines Erachtens keine Chance hat

Natürlich vertritt jeder Club seine eigenen Interessen. Solidarität gibt es in den Profiligen nur, solange dabei alle Geld verdienen. Es muss das Ziel von „Team Marktwert“ sein, auch die sportlich erfolgreichen Clubs wie Bayern München, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 von ihren Ideen zu überzeugen. Es ist aktuell aber davon auszugehen, dass diese Clubs mehr Geld bekommen, wenn es bei der stärkeren Gewichtung von sportlichen Erfolgen bliebe. Insofern fällt es Christian Heidel auch mit Blick auf seinen zukünftigen Job leicht, die Ideen des „Team Marktwert“ zu kritisieren. Den für alle gleichen Sockelbetrag zu reduzieren würde erst recht viele kleinere Clubs zu Widerstand aufrufen. Mir erscheint es fast unmöglich, dass der am Ende stehende Vorschlag des „Team Marktwert“ so vielen Clubs Vorteile gegenüber der aktuellen Regelung beschert, dass er Mehrheitsfähig sein kann.

Bedenkenswert ist er aber allemal. Diskussionswürdig sowieso.



Dieser Text wurde erstmals gestern bei Westline veröffentlicht. Weitere lesenswerte Blogtexte zum Thema „Team Marktwert“ wurden von Axel Goldmann und Andreas Riedl verfasst:

Der vierte Offizielle: Team Marktwert
Rosenau Gazette: Warum Team Marktwert nicht zu Ende denkt