Artikel zum Schlagwort ‘Arminia Bielefeld’

Das skurrile Fernsehtestspielniederlagenerlebnis

Ich gehöre zu denjenigen, die geschnittenes Brot einfrieren. Wenn ich mir morgens, gleich nach dem Aufstehen, ein paar Scheiben aus der Kühltruhe hole, sind sie zur Frühstückszeit im Büro aufgetaut. An die feinen Poren meiner Brotscheiben, an deren Kälte sich die Luftfeuchtigkeit niederschlägt und einen weißen Film hinterlässt, erinnerte mich der neue, gefeierte Boden des Stadions in Ostwestfalen, auf dem sich Schalke 04 gestern die Ehre gab, ein wenig schlecht fußballzuspielen.

Das Spiel störte den Blick auf den Rasen, das Zuhören Jörg Dahlmanns störte es nicht. Es passierte schließlich kaum was, so dass sich Dahlmann fast volle 90 Minuten austoben konnte. Er feierte schon mal den seines Erachtens designierten Manager des FC Schalke 04. Er erzählte seine Version des Bundesliga-Skandals in aller Ausführlichkeit. Er erinnerte sich an tolle Fotos von Spielerfrauen. Er kam von Hölzken auf Stöcksken, streifte alle Gerüchte, sah Elfmeter, fand Schalke fröhlich.
Er füllte die fußballleere Übertragung mit verbalen Blubberblasen. Was mich genervt hätte, hätte ich mich aufs Spiel konzentrieren wollen, fand ich ab dem Moment, da feststand, dass es keinen Fußball zum darauf konzentrieren geben würde, tatsächlich amüsant. Der Punkt der Ernsthaftigkeit musste einfach überschritten werden.

Das ward er früh. Darum war’s egal. Die Fehlpässe. Die nicht mit nach hinten laufenden Offensivspieler. Diese ganzen schwachen Schüsse Richtung Tor. Alles irgendwie albern. Sonntag geht’s los. Dann gibt’s wieder Fußball.

Vermutlich.

Die Trainer seit Schaaf

Otto Rehhagel ist neuer Trainer bei Hertha BSC. Sein letzter Bundesligajob liegt schon einen Weile zurück, von 1996 bis 2001 trainierte er den 1. FC Kaiserslautern. In diese Zeit fiel es, dass in „seinem Club“, dem SV Werder Bremen, nach vier Jahren des Orientierungslosigkeit, Thomas Schaaf den Trainerposten übernahm.

Am 11.05.1999 saß Schaaf erstmals als Cheftrainer auf der Bremer Bank. Er gewann 1:0, gegen Schalke 04, gegen Huub Stevens. Außer Huub Stevens sah Schalkes Trainerbank seitdem 11 andere Verantwortliche. Seit Schaaf in Bremen das Sagen hat, warteten 30 andere Bundesligaclubs mit insgesamt 192 Trainern auf.

Für Hertha ist Otto Rehhagel nun der 13. Verantwortliche in 13 Jahren Erstligazugehörigkeit seit Schaaf. Der HSV kam in 14 Spielzeiten auch auf 13 Trainer seit Schaaf. Leverkusen mag weniger als „heißes Pflaster“ gelten, trotzdem waren es auch da 10 Trainer in 14 Jahren seit Schaaf. In Gladbach waren es 11 Trainer in 11 Jahren erste Liga seit Schaaf, und Köln kommt sogar in nur 9 Erstligajahren auf 12 verschiedene Gesichter auf der Trainerbank, seit Schaaf.

Thomas Schaaf wird Otto Rehhagels Amtszeit in Bremen überdauern. Bis dahin wird die Liste noch länger werden, aber auch bis heute ist sie schon imposant. Alle Erstligatrainer, seit Thomas Schaaf:







Foto: Bejamin Radzun

Arminia und die Chance zur Farbe

Der Ex-Bremer Diego war immer auch für die Klatsch-Spalten gut. Auf die vermeintliche Suggestivfrage, wie er das finden würde, antwortete Klaus Allofs überraschend: Man hätte sich vor einer Weile zusammengesetzt und überlegt, wie Werder Bremen aussehen solle. Und dabei habe man festgestellt, dass Werder auch in die Klatsch-Spalten müsse.

Wasser auf die Mühlen, die ich seit ewigen Zeiten drehe. Attraktiver Fußball und Erfolge hin oder her, es braucht mehr. Es braucht Spektakel, es braucht bescheuerte Fans, es braucht Lieblinge und Fieslinge, Schlagzeilen, Skandale, Tränen und Liebe, das ganze emotionale Arsenal. Deshalb werden, unabhängig vom Tabellenplatz, Eintracht Frankfurt, der 1. FC Köln und Schalke 04 immer mehr Sex-Appeal versprühen als Wolfsburg, Hoffenheim oder Leverkusen. Mehr als Bielefeld sowieso.

Arminia Bielefeld hat nun die Chance, zumindest schon mal in die Klatschspalten zu kommen! Presseberichten zu Folge haben sich Günter Eichberg, Rudi Assauer und Uli Stein bereit erklärt, dem Verein mit zurückgetretenem Vorstand zu helfen.
Eine leicht jähzornige Torwartlegende, ein Sonnenkönig und Good Ol’ Rudi, der Herr der Schlagzeilen und aktuell nur noch mit der Bildzeitung im Bett liegend; allesamt in verantwortungsvollen Positionen … da wird die Arminia mal spannend, da beginnt man sich für sie zu interessieren, da ist sie auch mal bei RTL Punkt 12 ein Thema!

Die Arminia sollte zuschlagen. Schlimmer als in der Bildzeitung ein Thema zu sein ist es, in der Bildzeitung kein Thema zu sein. Allofs weiß das. Klinsmann mittlerweile auch. Arminia könnte es erfahren.

Rauball redet in Rätseln

Wenn dann ein Trainer unverhofft abspringt, ist es in meinen Augen nicht nur ein Affront gegenüber dem Verein, sondern auch gegenüber den Fans und den Sponsoren – auch, wenn es eine vertraglich vereinbarte Ausstiegsklausel geben sollte. Bis auf wenige Ausnahme-Fälle bin ich dafür, von Ausstiegs-Klauseln so wenig Gebrauch wie möglich zu machen. Der Verzicht auf Ausstiegs-Klauseln dient dem Produkt Bundesliga.

Wie jeder deutsche Fußball-Funktionär hat nun auch Dr. Reinhard Rauball seine Meinung zum vierfachen Armin veröffentlicht. Dabei hält er die Arbeitsteilung zwischen DFB und DFL strikt ein: DFB-Mann Sammer ist für die Moral zuständig, Rauball kümmert sich für die Liga ums Geschäft bzw. ums „Produkt“. Und wo große Männer mahnen ist es tatsächlich an der Zeit zu reagieren, den Blick zu schärfen, der Sensibilisierung des Themas beizutragen.

Also:
Luhukay wurde von Gladbach nach 7 Spielen vor die Tür gesetzt. Tatsächlich recht unverhofft, wenn man bedenkt, dass sie mit ihm zuvor ab und wieder aufgestiegen sind. Meistertrainer Veh war dem VfB Stuttgart nach dem 14. Spieltag nicht mehr gut genug. Schalke gönnte Fed Rutten 268 Tage, so viele wie einst Frank Neubarth. Bayern München beendete seine Zukunft, nach der Niederlage gegen Schalke, am 29. Spieltag nicht minder unehrenhaft. Und Arminia Bielefeld schoss mit der Entlassung Frontzecks vor dem letzten Spiel den Vogel ab. Alle Trainer hatten offensichtlich wenig Spaß am Ende des Beschäftigungsverhältnisses. Was die Sponsoren dazu sagten ist nicht überliefert.

In Frankfurt und in Cottbus einigte man sich mit Funkel und mit Prasnikar auf eine Trennung; Entlassungen mit gewahrter Form. Die Trennung von Martin Jol und dem HSV war offiziell ebenfalls „einvernehmlich“. Gefallen hat das dem HSV sicherlich nicht, nachdem aber Trainer und Verein offensichtlich uneins über die sportliche Weiterentwicklung waren und zudem Jol der teuerste Trainer der Vereinsgeschichte gewesen ist, wurde in Hamburg auch nicht viel gejammert.

Bruno Labbadia hat angeblich in Leverkusen die Mannschaft entzweit. So war es jedenfalls zu lesen, dies soll der Grund gewesen sein, wieso diese talentierte Mannschaft mit dem Hang zum schön anzuschauenden Offensivfußball am Saisonende sogar hinter Schalke 04 zurückbleiben musste. Bayer hätte ihn möglicherweise sowieso rausgeschmissen, auch wenn der HSV ihn nicht hätte haben wollen.

Ja, vielleicht kann man sagen, dass Hans Meyer Borussia Mönchengladbach „im Stich gelassen“ hat. Dass diese Möglichkeit bestehen würde pfiffen allerdings bereits Mitte der Rückrunde sogar die Tauben des Ruhrgebiets von den Dächern, völlig überraschend war das nicht. Christoph Daum und Felix Magath haben keine Verträge gebrochen, sie hatten vertragliche Vereinbarungen, nach denen sie Wechseln durften. Gerne darf jeder, auch Herr Rauball, solche Vereinbarungen kritisieren, man kann sich aber auch mal die Frage stellen, wieso die Clubs den Trainern diese Klauseln zugestanden haben.

Wenn der 1. FC Köln als Zweitligist einen deutschen Meister als Trainer haben möchte, wenn die graue Betriebssportgruppe des Volkswagenkonzerns einen zweifachen Double-Gewinner zum starken Mann ernennen will, dann braucht es schon schlagende Argumente. Geld zieht immer. Was auch zieht ist die Aussicht, es sich nach einer Weile noch mal anders überlegen zu können. Nichts anderes haben Daum und Magath getan. Daum ist wieder König von Istanbul und Magath beginnt eine neue Herausforderung bei einem der schillerndsten Clubs der Republik.

Magaths Wechsel tut dem Produkt Bundesliga in Gelsenkirchen plus Einzugsgebiet enorm gut. Welche „Ausnahmefälle“ meint Herr Rauball eigentlich?

Ein Sieg für die Ruhe

Vielleicht. Jedenfalls war Ruhe das, was sich Mike Büskens vor dem Spiel wünschte, was er mit einem Sieg in Bielefeld erreichen wollte. Ob dem Sieg die Ruhe folgt, wird man sehen. Zunächst mal gibt es nun ein paar positive Geschichten in den Medien zu hören und zu lesen, obwohl in dem Spiel an sich gar nicht soviel anders war als zuvor.

Ein Mehr an Spielanteilen bei Problemen gute Chancen herauszuspielen sind nichts neues. Die doch noch zustande gekommenen Chancen zu vergeben, Pfostenschüsse, auch Freitag wie immer. Auch in Bielefeld hatte der Gegner kurz vor Schluss wieder eine gute Möglichkeit noch auszugleichen, als Sadik seinen Kopfball aus sechs Metern glücklicherweise über die Latte setzte.
Und doch ist man froh für jeden Hoffnungsschimmer. Also gab es zu bemerken, dass Christian Pander überhaupt wieder spielen durfte, nachdem Fred Rutten mit Blick auf die Defensive zuletzt Kobiashvili den Vorzug gab. Und man konnte sehen, dass Schalke nach der Führung zur Halbzeit mit dem Ziel, ein zweites Tor zu erzielen aus der Kabine kam.

Es fühlte sich nach einer kämpferischeren Einstellung, es fühlte sich nach „mehr Betrieb Richtung Tor“ an. Nur ein Gefühl, vielleicht. Aber in dieser Phase, zwischen enttäuschendem Saisonverlauf und neuen Zielen ist das Erzeugen von positiven Gefühlen, von einer wieder etwas optimistischeren Stimmung, sehr wichtig. Ebenso wie Ruhe.

Bliebe noch der Nebenschauplatz, der Fanblock.
Ich war nicht vor Ort, habe nur die Kameraperspektive der Dinge. Nachdem was ich mitbekommen habe gab es die Stimmung, den Pyro-Wurf, die Sprechblasen- und sonstige den Vorstand und Aufsichtsrat kritisierende Transparente, „Tönnies raus“-Rufe, seinen Besuch in der Kurve und seinen Abgang von dort, beschimpft und bespuckt.

Die Unterstützung der Mannschaft war großartig, das war auch im TV deutlich mitzubekommen. Das der Feuerwerks-Werfer von den Fans (unter „Meinungskundgebungen“) aus dem Block geworfen wurde, las ich in Foren und finde ich gut. Die Sprechblasen-Plakate fand ich kreativ und angemessen, wie Vorstand und Aufsichtsrat unseren Club darstellen ist unterirdisch und gehört kritisiert.
Das Tönnies in die Kurve ging mag man als anbiedernd oder mutig empfinden, einen Mann des eigenen Clubs zu bespucken, ob Frittenverkäufer, Spieler oder Aufsichtsratschef, finde ich in jedem Fall hochnotpeinlich! Und die ewigen Raus-Rufe zum jeweiligen Arsch der Woche kotzen mich ebenfalls an.

Ma’kucken, wie’s weitergeht. Es bleibt spannend.



[Bilder vom den Sprechblasen-Transparenten der UGE: 1, 2, 3, 4, 5, 6 … 110 Bilder aus Bielefeld, auch von Clemens Tönnies’ Ausflug in den Fan-Block, gibt es (wie immer) bei Auswärtssieg, dem (stets empfehlenswerten) Blog von Matthias Berghöfer]

Bielefelds Nachlass

Bielefeld … Bielefeld … etwas über Bielefeld … hmm.
Gut, natürlich aber da reden wir nicht mehr drüber.
Fahrstuhlmannschaft? Wikipedia führt unter diesem Stichwort die Arminia mit ihren insgesamt 15 Auf- und Abstiegen als Erstes auf. Aber originell ist das nicht, weiß doch jeder. Außerdem halten sie sich jetzt ja. In diesem Jahr bestimmt auch.
Spieler? Das Stefan Kuntz da mal gespielt hat hatte ich irgendwie vergessen. Ewald Lienen verbinde ich mit Arminia Bielefeld, und besonders Wolfgang Kneib, den bärtigen Riesen.

Ansonsten stößt mir Bielefeld immer nur dann auf, wenn Philipp Köster und Jens Kirschneck von „11 Freunde“ über ihren Club reden. Das irgendjemand natürlich auch die Arminia lieb haben muss, ist mir völlig klar. Das die Keimzelle des Magazins „11 Freunde“ aber das Arminia-Fanzine „Um 15:30 Uhr war die Welt noch in Ordnung“ gewesen ist, war mir nicht bewusst.

Das und noch viel mehr hat das großartige Schalker Fanzine „Schalke Unser“ in Erfahrung gebracht, als sie für die letzte Ausgabe eben die beiden Herren Köster und Kirschneck interviewten. Dieses Interview gibt es hier nachzulesen. Äußerst lesenswert, wie auch das „Schalke Unser“ stets kaufenswert ist.

Typisch Schalke

Es ist typisch Schalke, eine beträchtlichen Teil des Spiels mit „geduldigem Spiel“ zu vergeuden, und sich am Ende darüber zu ärgern, dass Bielefeld 5 Minuten durch Zeitspiel klaut.
Es ist typisch Schalke, dass nach Spielen gegen solch defensive Gegner in der Sportschau eine Satz wie „Schalke hatte Probleme mit dem Spielaufbau“ zu hören ist.
Und es ist typisch Schalke, dass die Zuschauer einen brauchen, auf den sie ihren Frust abladen können.

Kevin Kuranyi ist nun zum Helden erklärt worden, also brauchte es einen Anderen. Da kam Orlando Engelaar gerade recht. Durch seine Größe wirkt selbst die gelungenste Aktion wenig elegant. Er soll eine recht hohe Ablösesumme gekostet haben, und am Geld erhitzen sich die Gemüter ja gerne. Und ihm werden ungerechte Vorteile anderen Spielern gegenüber nachgesagt, weil er gemeinsam mit dem längst nicht mehr sonderlich beliebten Trainer aus Enschede kam.
Er machte Fehler in der Defensive, und insbesondere der in Hamburg, der zum 0:1 führte, gab das Startsignal. Gestern wurde er schon auf dem Weg zu seiner Einwechslung ausgepfiffen, bevor er überhaupt einen Fuß auf dem Platz hatte.

Dabei bräuchte es noch ein paar Engelaars mehr, um Abwehrbollwerke wie das der Arminia im gestrigen Spiel zu knacken. Einige Reihen hinter mir meckerte ein Herr, der wohl kein Blog schreibt und deshalb seine Meinung von seiner Treppe aus unter das Volk bringt, dass dieser Engelaar keinen Zweikampf annehmen wurde, „der spielt doch immer sofort wieder ab!“.

Eben so sollte es sein. Leider wird im Schalker Spiel der Ball zu oft getragen. Jermaine Jones ist ein Paradebeispiel. Im Vorwärtsgang gibt er sehr häufig den Lucio.

Ab und an ging es gestern aber trotzdem schnell. Wenn Schalke direkt spielte bekam Bielefeld sofort große Probleme. Doch zu häufig gelingen Kombinationen nicht, weil entweder ein Zuspiel nicht klappt oder doch wieder einer meint, selbst losmarschieren zu müssen. Es ist kein Zufall, dass nahezu jeder Schalker Chance, die nicht aus Standards oder Querschlägern entstand sondern selbst erspielt wurde, ein einfacher Doppelpass vorausging – die kleinste Form des Kurzpassspiels.

Vielleicht ist Schalke einfach noch nicht so weit. Vielleicht wollen sie ja, aber schaffen es nicht, über 90 Minuten Richtung gegnerisches Tor zu kombinieren. Vielleicht verfallen sie deshalb in jedem Spiel in diese „geduldigen Phasen“, in denen sie den Ball von rechts nach links und zurück spielen, vergeblich auf das Geschenk einer Lücke hoffend.

Gestern wurde viel versucht, gestern hat sich Schalke einen Sieg verdient. Das es nur ein Punkt wurde lag am guten Bielefelder Torwart Dennis Eilhoff und auch zu einem guten Teil an bloßem Pech. Hätte Schalke 2:0 gewonnen, hätte ich das Spiel insgesamt wohl als Fortschritt empfunden. So ärgere ich mich über das Ergebnis, bin nicht zufrieden und kann jeden Frust über zu große Sorglosigkeit verstehen. Verteufeln will ich die Leistung aber nicht.

[Foto: Jacoplane]