Die zwei Meinungen des Spieltags 23/47

23. Februar 2010, Torsten Wieland

Stichwörter: ,

„Dante, zwar ohne Absicht, aber mit klarer Bewegung zum Ball.”

So urteilte der Kommentator der ARD-Sportschau über die Situation, in der der Gladbacher Dante in der 73. Spielminute des Spiels gegen Hoffenheim den Ball mit dem Arm traf. Dem Tonfall und dem weiteren Kommentar entsprechend wollte er damit ausdrücken, dass es einen Strafstoss hätte geben sollen.

Laut Regel 12, Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen, muss ein Handspiel absichtlich erfolgen, um als Vergehen geahndet zu werden. Die Frage, ob sich die Hand oder der Arm zum Ball bewegt oder nicht, wird in den anliegenden Ausführungen zu dieser Regel lediglich als Entscheidungshilfe für den Schiedsrichter genannt. Außerdem sei an dieser Stelle mal erwähnt, dass das Wort „natürlich“ im Regelwerk nur in Bezug auf zum Spielfeld bzw. zur Ausrüstung gehörende Gegenstände vorkommt.

Schiedsrichter Wolfgang Stark hatte das Handspiel Dantes als nicht absichtlich beurteilt, ebenso wie der Sportschau-Kommentator. Eigentlich hätten sich beide darüber einig sein sollen, dass die Aktion nicht strafwürdig war.

Durch Europa ins „Freudenhaus“

11. Januar 2010, Torsten Wieland

Stichwörter:

Gewinnen ist toll. Im Frühjahr 2008 schlenderte ich gerade durch die City meiner Heimatstadt, als mein Mobiltelefon bimmelte. Meine Frau war dran, wir hätten ein Einschreiben von der Lotterie bekommen, ob sie es mal aufmachen solle. Sicher! Seit Jahren habe ich zwei Dauerlose bei dem was früher „Aktion Sorgenkind“ hieß und heute irgendwie anders heißt. Da wo man ein Haus gewinnen kann. Oder eine Million in bar. Oder ein paar tausend Euro monatlich. Mein höchster Gewinn bis dato waren 10 Euro. Ja, sicher soll sie das Ding aufmachen, und zwar flott!

Wir gewannen eine Zugreise. Keine Million. Aber gewinnen ist toll. Es war eine Sonderziehung, Hauptgewinn war eine Reise im „City Night Line“-Zug der Deutschen Bahn. Den Starttermin konnten wir uns aussuchen, wir entschieden uns für Juli, die Route war festgelegt. In Köln würden wir starten. Abends. Und die Nacht durch Richtung Kopenhagen fahren. Dort hatten wir den Tag für uns und abends ging es wieder in den Zug, schlafenderweise zu einer anderen Großstadt. Kopenhagen, München, Berlin, Paris, Hamburg, Zürich. In München zwei Übernachtungen in einem netten Hotel, ansonsten jede Stadt jeweils für einen Tag.

In Berlin saßen wir morgens gegen halb sieben am Brandenburger Tor ziemlich alleine. In Kopenhagen haben wir uns die Füße plattgelaufen, weil wir dachten wir sollten zur Meerjungfrau pilgern, die aber doch weiter entfernt als angenommen war. Paris war einen Tag vor dem Nationalfeiertag ein völlig versperrtes Labyrinth. München war herrlich entspannt – toll wie viel Freizeit drei Tage sein können. Zürich, sonnig und nobel, wunderschön den Spyri-Steig hinauf, und wenn man schon mal da ist, zieht man die Frau auch noch bis zur „Fifa-Straße“, bis zu Blatters Palast, der dem Vorbeischlendernden aber nur einen dürftigen Blick gewährt.
Hamburg war auch sehr schön und entspannt. Wo wir genau überall waren wissen wir nicht. Das Aussuchen von Sehenswürdigkeiten als Ziele haben wir nach dem Meerjungfrauengelatsche sofort ad acta gelegt. Fortan bummelten wir weitestgehend ziellos oder kreuzten mit der U-Bahn über den Plan. Das war in Hamburg nicht anders. Auch so kamen wir irgendwann an die Landungsbrücken. Und dann lotste ich meine Frau Richtung Heiligengeistfeld, Richtung Stadion, ich wollte ma’kucken.

Auch im Sommer 2008 war das Millerntor-Stadion eine Baustelle. An welcher Ecke wir ankamen weiß ich nicht, jedenfalls stand uns nichts im Weg und wir gingen stetig auf das Stadion zu. Ein Bauwagen ohne Arbeiter. Rechts und links Zäune, vor uns keiner. Und ohne um irgendetwas herumgegangen zu sein, ohne irgendwas beiseite geschoben zu haben, standen wir plötzlich drin.
Wir setzten uns, legten ein Päuschen ein. Es war ein schöner, sonniger Tag. Was macht man in einem leeren Fußballstadion? Nichts. Wir haben nur dagesessen und ich habe mir überlegt, wie es hier wohl sonst so ist. Alles war irgendwie zu alt oder noch zu neu. Trotzdem gab es einem dieses Gefühl von früherem Fußball. Alles irgendwie weniger perfekt, weniger Show. Mehr im Leben. In viel größer kann es das wohl nicht geben. Schön, nicht vom Aussehen sondern vom Gefühl her.

Daran habe ich mich gestern erinnert, als ich mir im Fernsehen dieses schlechte Testspiel meiner Knappen beim FC St. Pauli angeschaut habe. Usselige Bilder, man fror sogar daheim auf der Couch. Vielleicht waren es aber auch die Fehler der Schalker Spieler, die mich schaudern ließen, ich weiß es nicht. Ein Spiel habe ich vor Ort, im Millerntor-Stadion noch nie gesehen. Vielleicht gelingt mir das ja noch mal. Gerne wenn wieder Sommer ist. Dann zahle ich auch Eintritt.

Das Gleiche in grün

8. Januar 2010, Torsten Wieland

Stichwörter: , ,

Ein Ultimatum. Mesut Özil soll sich entscheiden, ob er seinen laufenden Vertrag verlängern will oder nicht. Man verlangt ein „Bekenntnis“ zum Verein. Ungefähr anderthalb Jahre vor Ablauf des aktuellen Vertrags. So gab es das schon mal, in blau.

Was damals genau abgelaufen ist, zwischen dem damaligen Schalke-Manager Andreas Müller, Mesut Özil, dessen Vater und Berater Reza Fazeli, wieso die Bild-Zeitung stets so flott informiert war, wer ihr den für Mesut Özil vorbereiteten Vertrag gesteckt hat, es wird nicht mehr herauskommen. Angeblich hatte Mesut Özil per Handschlag sein Bleiben besiegelt. Angeblich hat er sich später, im Verbund mit Vater und Berater, davon distanziert. Angeblich war Andreas Müller darüber so entzürnt, dass er sich stark gab und den Spieler suspendierte. Andreas Müller und Klaus Allofs einigten sich auf eine für den damaligen Mesut Özil angemessene Ablösesumme, fortan spielte er für Werder Bremen.

Im Schatten Diegos konnte Mesut Özil ein Jahr lang ungestört wachsen. Sehr gut für ihn, ein Schatten den er auf Schalke nicht gehabt hätte. Im nachhinein wurde immer öfter und immer heftiger mit dem Finger auf Schalke, auf Andreas Müller gezeigt. Er hätte dieses große Talent nicht ziehen lassen dürfen. Sicher, Andreas Müller hätte smart statt bott reagieren sollen. Dass er hätte mit Mesut Özil verlängern können, glaube ich nicht.

Es macht überhaupt keinen Sinn, zwischen Mesut Özil selbst, seinem Vater und seinem Berater zu unterscheiden. Das „netter Mesut, böser Berater“-Spielchen ist unfug, weil am Ende eine Entscheidung steht. Diese Entscheidung kommt aus diesem Verbund, von wem auch immer, und es ist die Spielerseite, die eine Entscheidung fällt. Diese Seite, nennen wir sie einfach Mesut Özil, sitzt am längeren Hebel. Mögen sich der unerfahrene Andreas Müller oder der erfahrene Klaus Allofs wie Rumpenstilzchen zerreißen, oder auch nicht.

Mesut Özil ist gut und wird vermutlich noch besser. Er wird bei der Weltmeisterschaft in der deutschen Nationalmannschaft im Schatten Ballacks weiterwachsen, kann auf der größten Bühne seines Sports die Blicke auf sich ziehen.
Löw wird ihn bringen, Özil wird glänzen, Deutschland wird – wie immer – weit kommen, die besten Clubs Europas werden ihn haben wollen. Das ist Mesut Özils Plan. Und die Chancen, ihn in die Realität umzusetzen, stehen gut.

Gibt es auch nur einen guten Grund für Mesut Özil, sich innerhalb der nächsten 10 Wochen dazu zu entscheiden, sich über 2011 hinaus an Werder Bremen zu binden? Nein. Aus Spielersicht bieten lange Vertragslaufzeiten Sicherheit. Özils Sicherheit ist sein Talent. Er ist seinem Streben nach der großen Karriere verpflichtet, einem Club stets nur zeitweise. Er ist modern. Er ist der Miet-Mesut.
Manager mögen das nicht. Ihnen droht der Wert des Spielers verloren zu gehen. Fans mögen das nicht. Zwar hat man sich an Spielerwechsel im Profigeschäft gewöhnt, dass aber ein Spieler nicht im hier und jetzt des Clubs denkt, sondern sein eigenes weiterkommen, sein eigens fortkommen plant, wird als Gegenteil von Leidenschaft erachtet. Miet-Mesut kann es egal sein, er verhält sich durchaus redlich. Die Zeiten sind eben so.

Das Zwinkern des Spieltags 14/47

2. Dezember 2009, Torsten Wieland

Stichwörter:

Seppo Eichkorn war vielleich mit der einen oder anderen Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden. Aber Seppo müsste wissen, dass der Schiedsrichter unparteiisch ist, und unparteiisch hat er ja gepfiffen.

Kommunikation in ihrer ganzen Breite durch Sprache und Stimmlage. Den Ton dazu gibt’s hier. Felix Magath nach dem Spiel in Gladbach, angesprochen auf den Platzverweis gegen seinen Co-Trainer Seppo Eichkorn.

Destruktive Lust

2. Dezember 2009, Torsten Wieland

Stichwörter: , , ,

Spekulationen über Spekulationen. Jetzt soll Kroos im Sommer direkt Kießling mitbringen. Ob’s Vizekusen gefällt? http://tinyurl.com/yjrhhbx

… twitterte Breitnigge und veranlasste fehlpass.com zu der Antwort:

#Kießling oder #Klose? Dann würde ich für Kießling stimmen, jederzeit.

Zunächst mal muss man sagen, dass „Vizekusen“ bislang wenig Grund zur Sorge haben muss. Der verlinkten Zeitungsartikel bringt Stefan Kießling und den FC Bayern zusammen weil Kießlings Vertrag bei Leverkusen exakt so lange läuft wie der mindestens eines Bayern-Spielers, und weil „Wechsel von Leverkusen nach München Tradition haben“. Dabei verkennt die Zeitung das Kießling ein „Hoeneß-Transfer“ wäre (vgl. Lahm-Kritik) und jetzt ist da ja Nerlinger …

Aber mal abwarten. Ich würde einen solchen Transfer jedenfalls begrüßen! Wer bei den Bayern auf der Bank sitzt kann für andere Clubs gegen Schalke keine Tore schießen. Gerade dieser Kieß (Tatsächlich unter Mitspielern Kießlings „Spitzname“; und Fans hoffen auf kreative Kicker.) hat Schalke schon wirklich viele Punkte gekostet. Vielleicht besinnt sich Nerlinger ja doch noch auf das bayerische Mir san Mir. Wie wär’s außerdem mit Marco Reus? Marcus Berg? Edin Džeko und Du-Ri Cha?
Destruktive Lust im Fußball. Toll!

Das erste Mal

24. November 2009, Torsten Wieland

Stichwörter: ,

An das erste Mal, den ersten Stadionbesuch, kann sich wohl jeder Fan erinnern. Die meisten wurden von Papa mitgenommen. Mein Sohn wird irgendwann auch davon erzählen können. Gegen Hannover war er dabei. Sein erstes Fußballspiel über 90 Minuten überhaupt. Erstmals auf Schalke. Und für mich war es keinen Deut weniger aufregend als für ihn.

Mama meinte das hätte noch Zeit. Aber wir waren beim „Familientag“, zur Saisoneröffnung. Damals saß unser Sohn fasziniert auf einem Schalensitz, starrte auf den Rasen, sang „Happy Birthday“ für Felix Magath, den er nicht kannte, aber das Lied kannte er, und wollte nicht mehr weg. Seitdem fragte er jedes Mal wann er mal mitdürfe, wenn ich mich an Spieltagen Richtung Gelsenkirchen aufmachte. Vielleicht hatte Mama recht, er ist Fünf. Aber manchmal müssen Männer tun, was Männer tun müssen.

Burger essen zum Beispiel. Also fuhren wir schon um 12 Uhr los. Unser Tag! Die CD fürs Auto hatte ich eigens für diese Fahrt zusammengestellt. „Blau und Weiß“ und „Opa Pritschikowski“ konnte er bereits. Bei den anderen Gassenhauern ist er nun deutlich weiter. Anfangs machte er mich noch auf jeden Schalke-Aufkleber, jeden Schal und jeden Trikoträger aufmerksam, so wie er es immer tut. Aber das ließ nach, spätestens bei McDonalds am Stadion, wo sich auch zu früher Zeit schon reichlich Schalker den Bauch vollschlugen. Eben wie wir.

Im Stadion angekommen wollte der neue Fan ausgerüstet werden. Ich hatte es versprochen. Er hatte von sich aus schon sein Bestes gegeben. Er trug seine Schalke-Cap, die ich ihm mal mitgebracht hatte, und auch bei restlos allem anderen hatte er darauf geachtet, Blau zu tragen. Ein Shirt durfte es sein und ich hielt ihm verschiedene hin. Er fand sie schön, alle, aber eigentlich fand er das Teuerste am schönsten. Das was Papa nicht trägt, weil „Gazprom“ draufsteht, womit Papa ihn aber nicht belästigen wollte. Das Blaue eben. Und weil Papa findet, dass – wenn schon, denn schon – auch der Name und eine Nummer draufgehören, und weil das im Stadionshop nicht geht, und weil Sohnemann aber irgendwas „für sofort“ habe wollte, kauften wir noch einen Kinder-Schal.

Schade, dass es noch 0:0 steht, nä Papa?!

… bemerkte er nach gespielten 3 Minuten und 10 Sekunden. Seit der Ball rollte legte sich die Aufregung ein wenig. Nach der geteilten Wurst – Klischees selbst erleben ist eine wahnsinnig tolle Sache – und nachdem er erstmals mit 60.000 Anderen unser Lied sang. Nun erfragte er sich das für ihn nötige Wissen. Woher ich am Ende wüsste, wer gewonnen hätte. Wieso der Torwart denn aus dem Tor laufen dürfe. Und worüber sich die Leute in den jeweiligen Situationen so aufregen.

Er schaute sich um, beobachtete und machte nach. Unmelodisch aber mit vollem Einsatz krakelte er „Schalke, Schalke, Schalke“ und reckte dabei seinen Schal, die freundlichen Blicke sichtlich genießend. „Null Vier!“ schrie er auf einmal neben mir, den Tribünen-Wechselgesang verstand er bevor ich ihn überhaupt mitbekommen hatte. Und gerade in der ersten Halbzeit hatte er mehr Augen für das Drumherum als für das Spiel.
Das änderte sich in der zweiten Hälfte. Nun passierte auf dem Rasen mehr, auf den Rängen wurde öfter Aufgesprungen. Nun wurde es lauter und das Spiel war näher, weil wir auf der Südtribüne saßen und die Blauen nun auf unser Tor spielten. Nun saß er nicht mehr auf seinem Platz sondern auf meinem Schoß, damit, wenn alle aufsprangen, auch ich und er mit mir, ich also „ihn aufspringen lassen“ konnte. Das funktionierte gut, war aber anstrengend, und ich verlor nur auf Grund der erhöhten Kalorienzufuhr nicht an Gewicht (Gummibärchen).

Überhaupt verlor niemand, alle gewannen. Mein Sohn redet von dem Tag in den höchsten Tönen und erklärt aller Welt, wieso Schalke gewonnen hat – eben weil Schalke erst ein und dann noch ein Tor gemacht hat und die Anderen keins. Ich erlebte ebenfalls einen Tag, an den ich mich immer werde erinnern können. Schalke 04 gewann neben den drei Punkten einen neuen Fan – und verdiente viel Geld an uns: Das Trikot in Größe 128 ist mittlerweile bestellt. Er wollte die Nummer 4. Ich hatte stets die 6. Mein Großer und ich, wir lesen das Spiel von hinten.

Hoffnung, Vermutung, Erwartung

20. November 2009, Torsten Wieland

Stichwörter:

Ein normales Fußballspiel in Gelsenkirchen, wenn der Ball erstmal rollt. Ganz viele Umarmungen in Dortmund. Ein verdrießlich dreinschauender, junger Niederländer, auf der Tribüne in Wolfsburg. Ein später Ausgleich durch den eingewechselten Heiko Herrlich in Hamburg. Die fünfte Gelbe Karte für den Deutschland-Poldi in Köln. Fehlende Stürmer allenthalben in Frankfurt. Den Kick der Verklemmten in Stuttgart. Political correctness bis zur Schmerzgrenze in Freiburg. Franz Beckenbauers Kommentar:

„Ja gut, ein Guus Hiddink ist natürlich für jeden Club immer ein interessanter Mann.“

Nächste Seite »