Natürlich hätte ich nach einem Sieg anders begonnen, mit dem königsblauen Auto, bei dem ca. 300 BVB-Schals aus jeder Öffnung hingen, und dass 175 km vor Dortmund das erste Lebenszeichen vom Derby war. Mein Gedanke war nur, dass hier die Insassen ihr eigenes Auto nicht verstehen und wie bedröppelt sie zurückfahren würden … Der erste Schalker, den ich sah, hatte sein Auto ca. 140 km vor dem Ziel ungesichert auf dem Standstreifen abgestellt und pieselte fröhlich in aller Öffentlichkeit in die Landschaft, während ich noch die 6 km bis zur nächsten Raststätte durchgehalten habe. Danach habe ich gegrübelt, ob mir für einen echten Schalkefan vielleicht noch eine gewisse Unbekümmertheit fehlt …
Da ich mich durch die Gefühle nach einer Niederlage durchschlagen muss, fällt mir erst mal das Verkehrschaos um die hässliche gelbe Arena ein. Die Polizei hatte offiziell und schriftlich das auswärtige Publikum aufgefordert, sein Navi auf „Rheinlanddamm“ einzustellen, um es dann auszuschalten und sich ganz vertrauensvoll in die winkenden Hände der Freunde und Helfer zu begeben. Nur leider gab es diese nicht, und um mich herum blickten mich Kölner, Frankfurter, Karlsruher, Hamburger Gesichter durch die Autoscheiben an, so ratlos wie mein eigenes, wie es denn nun weiter ginge. Jeder suchte sich auf’s Geratewohl einen Weg, und erst nach gefühlten 30 km landeten wir auf bröckeligem Gelände, wo wir – unfreundlich! – zur Zahlung von 6 Euro aufgefordert wurden. Wie sahneleicht, gratis, freudespendend und geordnet ging es dagegen in Gelsenkirchen zu!!
Da der Parkplatz riesig und gänzlich unmarkiert war, versuchte ich mir, Häuser, Bäume und Wegessteine zu merken, um in der Dunkelheit nach dem Spiel, mit der Pupillenlampe in der Hand, mein Auto vielleicht irgendwann wiederzufinden; was später auch erst nach längerem Suchen gelang. Dann stieß ich im wilden Niemandsland auf eine grimmige Reiterstaffel, die mir den angestrebten Weg versperrte. Da ich selber jahrelang geritten bin, sah ich die Pferde mit Vergnügen, aber eine Annäherung war nicht erwünscht.
Erst nach all diesen Hindernissen sah ich endlich Fußballfans, jedoch nur gelbe, gelbe, gelbe, wohin das Auge reichte. Mein Schal steckte zusammengefaltet in der Innentasche meiner Outdoorjacke. Am Drehkreuz wieder eine gewisse Unfreundlichkeit, aber ich blieb unverdrossen. Wer zuletzt lacht … und dann ENDLICH SCHALKER. Sie standen in kleinen Gruppen im Eingangsbereich, und ich machte mich erstmal auf, meinen Block zu suchen. Neben mir keuchte ein netter, älterer Herr atemlos die Stufen hoch. Ich übersah seinen hässlichen, schwarzgelben Schal, als er mich freundlich ansprach. Es war ein Thüringer Fußballfreund, auf der Suche nach seiner Borussia. Naja. Als er unsere Freundschaft durch ein Foto festigen wollte, zog ich den Schal raus, er erschrak, knipst dann aber trotzdem tapfer. Er fragte, was ich tippe, ich sagte “Auswärtssieg!”, was ihn erneut zusammenzucken lies.
Das erste Mal ahnte ich Böses, als ich auf meinem Ticket die Zahl 43 für meine Sitzplatzreihe bewusst las. GENAU in dieser Reihe hatte Matthias Berghöfer 2007 gesessen, beim 2:0 der Dortmunder gegen Schalke, was man in seinem Buch auf S.163 nachlesen kann. Alle Versuche, einen Tauschpartner für diesen vermaledeiten Sitzplatz zu finden, schlugen fehl, und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
Dabei beeindruckte mich am Anfang die Lautstärke der Schalker Fans, neben deren Block ich saß. Sie erhoben mehrfach ihre Stimmen zu einem gewaltigen Gesang und schwangen dabei drohend ihre Fäuste. Kurz dachte ich an Krieg und Flucht. So muss es sein, wenn die wilden Horden einfallen, um alles zu zerstören, was sich ihnen in den Weg stellt. Das hässliche Metalldach über mir verstärkte diesen infernalischen Sound. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn alle Dortmunder vor Angst aus der Arena geflohen wären. Aber leider blieben sie.
Und dann kamen die königsblauen Spieler. Keine Überraschung in der Aufstellung, die Spieler, die gegen Hannover gefightet hatten, die gegen Nürnberg vier Tore geschossen hatten, die eigentlich – gut eingestellt und angstfrei – die Dortmunder vom Platz hätten fegen können/wollen/sollen, sie behandelten das Spielgerät rätselhaft unbeholfen, stolperten darüber, über die eigenen Füße und die der Gegner, was gleich mal in der zweiten(?) Minute zu einem Freistoß führte, der haarscharf am Tor vorbei fegte. Die erste Halbzeit verbrachte die gesamte Nordtribüne – ich dabei – in ständigem Aufspringen, um den Ball um das zu unseren Füßen in der Tiefe befindliche Tor flitzen zu sehen. Wenn er nicht drin war, stöhnten wir wenigen Schalker vor Erleichterung auf, während die Dortmunder, die hier in zehnfacher Überzahl saßen, ihren Augen nicht trauten, was für Chancen ihre Mannschaft hatte. Stinkefinger wurden vom Schalkeblock aus gezeigt, als die Gelben „Ratlos 04“ skandierten und danach zurück stinkefingern.
In der Pause gab es einen geradezu unglaublichen Toilettenmangel zu beklagen, so dass das Spiel schon lief, als ich die hässliche Arena wieder betrat, in der gerade die Schalker stürmten. Ich sah mit Befriedigung, dass meine Sitznachbarn nachdenklich wurden und schmetterte ihnen entgegen, dass es jetzt erst ein richtig gutes Spiel würde. Dann kam Santanas Tor, und die Schalker beeindruckten Dortmunds Stinkefingerzeiger mit ihrem Liebeslied an ihren Verein: „Der Mythos vom Schalker Markt“.
Was ich auch sah: Eine Frau, die einen Schalke- und einen BVB-Schal zu einem Schal zusammengerollt hatte und beide um den Hals trug. Gegenseitigen Respekt zwischen den Fans beider Vereine, viel mehr als ich mir das vorher vorgestellt habe. Die vielen Szenen kann ich gar nicht alle schildern. Auch Humor. Und neben mir auf der linken Seite, zwei Männer, verschwägert erzählten sie mir, sie gehen zu jedem Derby zusammen, der eine BVB-, der andere Schalkefan. Wir haben viel gelacht. Auch wenn dem Schalkeschwager und mir nach dem Spiel erstmal die Ohren hingen …
Gestern war die Mannschaft nicht gut eingestellt, oder was auch immer der Grund war für das schlechte Spiel. Die Blauen verteilten sich über den ganzen Platz mit riesigen Abständen zwischen den einzelnen Spielern, sie pressten nicht früh, sie ließen die Dortmunder kommen, standen viel zu tief, bei Angriffen blieben defensives Mittelfeld und Abwehrreihe stehen, als ginge sie das Ganze nichts an. Nach vorne kamen hohe Bälle, die in ihrer mangelnden Präzision oft ins Nirwana gingen. Es war zum Schaudern.
Den tiefsten Eindruck hat aber heute nicht das Spiel hinterlassen, sondern das Verhältnis, das viele Menschen beider Vereine zueinander haben: Respektvoll, feindselig und voller Humor. Als ich bei der schlecht organisierten Abfahrt eine halbe Stunde in meinem Auto saß, ohne dass ich es auch nur drei Meter hätte weiterbewegen können, fuhr ich die Scheiben runter und beschallte den Parkplatz mit dem Steigerlied und anderen Schalkeliedern, die ich seit Wochen im CD-Player habe, während die Fans beider Vereine an mir vorbeizogen … ich war glücklich, auf der richtigen Seite zu sein! … und wie friedlich um mich herum alles ablief, und sinne doch auf Rache im nächsten Jahr!