
Borussia Mönchengladbach ist Schalkes nächster Gegner. Pünktlich zu diesem Spiel wurde am Niederrhein den Trainer gewechselt. Lucien Favre, der als Trainer der Hertha in Berlin zwischen Überflieger und Prügelknabe alles darstellte, soll Gladbach retten, oder, falls ihm das nicht gelingt, wieder zurück in die erste Liga führen. Mich hat interessiert, wie die Situation in Gladbach abseits der offiziellen Seite gesehen wird. Deshalb habe ich mich mit Jannik Sorgatz unterhalten, der seit Jahren in seinem Blog Entscheidend is aufm Platz über den VfL Borussia Mönchengladbach schreibt.
Jannik, Borussia hat Michael Frontzeck entlassen und Lucien Favre engagiert. Zu spät würde ich meinen, bei allem Respekt vor Michael Frontzeck. Wie siehst Du das und bist Du zufrieden mit der Wahl Favres?
Da gebe ich dir auf jeden Fall Recht. „Im Nachhinein“, hat Max Eberl gesagt, habe es sich als falsch herausgestellt, Frontzeck nicht nach dem 17. Spieltag zu entlassen. Ich habe es aber schon im Winter für die einzige Option gehalten – zumal wir im Abstiegsjahr 2007 denselben Fehler gemacht und uns erst nach dem 19. Spieltag von Jupp Heynckes getrennt haben. Die Mannschaft hat gegen Hamburg und Hoffenheim zwei absolut trostlose Auftritte hingelegt, das fünfte und sechste Pflichtspiel in Folge verloren – ohne große Böcke, ohne Pech, einfach rundum schlecht.
Jetzt hat Favre eine ziemlich aussichtslose Situation von Frontzeck übernommen. Ohne die Möglichkeit, sich im Winter die zwei bis vier Spieler zu holen, die er für seine Arbeit gebraucht hätte. Unter dem Gesichtspunkt darf man von Favre keine Wunderdinge erwarten. Entweder es klappt oder es klappt nicht. Wenn er uns rettet ist er der Held. Ich halte es zumindest wieder für weniger unwahrscheinlich als mit Frontzeck. Jeder weiß, dass die Rettung jetzt so ein Wunder wäre, dass später Gladbach-Fans sagen werden: „Weißt du noch, als …“
Favre ist zweifellos ein guter Trainer. Man muss nur bezweifeln, dass er das richtige Spielermaterial für seine Ideen hat. Schon der Kumpeltyp Frontzeck hat diese extrovertierten, einfach gestrickten Typen zuletzt anscheinend nicht mehr erreicht. Da kann man zumindest bezweifeln, dass es dem Konzepttrainer Favre gelingen wird. Ich wünsche es ihm natürlich erst Recht zu meinem eigenen Nutzen.
Wenn ich das richtig gesehen habe ist es für Favre das erste Mal, dass er eine Mannschaft in akuter Abstiegsgefahr übernimmt. Favres Vertrag gilt auch für die zweite Liga, er soll im Fall der Fälle Gladbach neu aufbauen und wieder nach oben führen. Aber ist es nicht verkehrt, jetzt schon vorauszuplanen? Gilt es nicht eher, alles daran zu setzten die Liga zu erhalten? In der zweiten Liga brechen die Einnahmen weg und es droht eine Zweitligarallye gegen potenziell starke Clubs wie Bochum, Duisburg, vielleicht Stuttgart, vielleicht Wolfsburg oder gar Werder? Ein Horrorszenario für ein Ziel Wiederaufstieg.
Erstmal bin ich der Meinung, dass es den einzig wahren Rettertrainer sowieso nicht auf dem Markt gegeben hätte, vielleicht gibt es ihn nirgendwo. Egal ob Meyer, Gross, Funkel, Neururer, Matthäus (nicht die Namen zu ernst nehmen) – jeder hätte das Potential gehabt, es zu schaffen, oder es zu versauen. Ich auch. Meine Mutter. Maskottchen Jünter.
Und für den weitaus wahrscheinlicheren Fall, dass der Zug abgefahren ist, hat man schon einmal einen Trainer für den Neuanfang geholt. Soweit ich das gehört habe, hat Favre zum Beispiel mit Yverdon unter den Voraussetzungen, die du beschreibst, den Aufstieg in die erste Schweizer Liga geschafft.
Tatsächlich? Siehste, man sollte sich zur Meinungsbildung nicht auf fussballdaten.de verlassen … aber was anderes: Wie siehst Du die Rolle von Max Eberl? Ist er ein Kadermacher oder einer, der Trainerwünsche nach Möglichkeit erfüllt?
Das Wort „Charaktertest“ hat in der Eberl’schen Liste der Unwörter auf jeden Fall einen Spitzenplatz inne. Bobadilla, Arango, Idrissou, de Camargo – die sollen den Test angeblich alle bestanden haben. Vermute schon, Eberl hat aus Versehen den Bloß-nicht-kaufen-Zettel genommen und da seine Häkchen gemacht. Er hat Dante geholt: Großartig! Bei Bailly schien man das auch lange sagen zu können, so sicher bin ich mir da nicht mehr. Es wäre gut, wenn nach dem Trainerwechsel etwas mehr Ruhe einkehren würde und sich alle wieder auf den Klassenerhalt konzentrieren. Im Grunde ist er aber nicht mehr tragbar.
Montag ist er auf seine eigene Aussage angesprochen worden, auch sein Kopf hänge am Job von Michael Frontzeck. Das wurde ihm bei der JHV 2009 halbwegs in den Mund gelegt. Jetzt kritisiert er das Umfeld, dass es Frontzeck schon damals nicht mit offenen Armen empfangen hat, von Vetternwirtschaft die Rede war. Es wäre mir andersrum lieber: Aber die Fans hatten 2009 im Sommer bereits den richtigen Riecher.
Man muss den Sportdirektor nicht entlassen, wenn der Trainer geht. Wer aber nach außen so eng miteinander verbunden war, der ist jetzt nicht zu trennen. Bin gespannt, wie sich das entwickelt. Ohne polemisch zu sein: Ich fürchte einfach, dass Eberl an seinem Stuhl klebt, weil er ahnt, dass er woanders womöglich so schnell nichts kriegt. Oder bräuchte Horst Heldt vielleicht einen HiWi?
Böse Zungen behaupten, er sei selbst ein solcher. Kann ich nicht beurteilen. Aber zurück zu Deinem Club. Gibt es noch „Schläfer“ im Kader, talentierte Spieler, die unter Frontzeck nicht zum Zug kamen und die von einem Trainerwechsel profitieren könnten?
Ich hätte schon lange mehr auf die Jungen gesetzt. Man kann keine U23 spielen lassen, aber insgesamt stehen zu viele minderbemittelte Leute in der ersten Elf. Ich denke da an Filip Daems, Tobias Levels oder Thorben Marx. Wir haben zum Beispiel mit Tony Jantschke einen 20-Jährigen, der alle Nationalmannschaften durchlaufen hat, der technisch und taktisch bestens ausgebildet ist, dem es allerhöchstens an Erfahrung mangelt. Unterm Strich hätte er als Außenverteidiger oder Sechser – vielseitig er auch noch – jeweils bessere Voraussetzungen als die genannten Kandidaten. Er war verletzt, ist aber lange wieder fit – eine Chance hat er unter Frontzeck nie bekommen.
Ich nehme an er wird sich auf Favre freuen. Gibt’s sonst noch Potential für eine neue „Fohlenelf“?
Wie ausführlich darf ich antworten? Da gäbe es noch genügend Beispiele. Marc-André ter Stegen ist das größte deutsche Torwarttalent. Gut, 18 Jahre sind wohl wirklich zu wenig. Aber spätestens nächste Saison gehört ein dann 19-Jähriger ins Tor. Was das bewirken kann, muss ich dir als Schalker ja nicht erzählen.
Mein vorerst letztes Beispiel ist Fabian Bäcker, Stürmer, auch Jugendnationalspieler. Der macht im Januar 2010 sein erstes Bundesligaspiel, schießt sofort ein Tor, spielt danach in zwölf Monaten noch ein einziges Mal in der Liga – zwölf Minuten lang. Ein einziges Mal! Auf der Bank sitzt er aber dauernd, trifft in der zweiten Mannschaft ganz ordentlich. Dafür gibt es einfach keine rationalen Gründe. Wenn die Wahrheit wäre, dass er nicht gut genug ist für die Bundesliga, dann frage ich mich: Warum ist er dann überhaupt im Kader?
Frontzeck können wir nicht mehr fragen. Vielleicht bekommst Du von Favre demnächst die Antwort. Aber wo wir doch vorhin schon kurz über Horst Heldt sprachen fällt mir ein: Was macht Rainer Bonhof eigentlich, wenn er sich nicht gerade mit Günter Netzer zofft?
Er repräsentiert. Oder so. In Sachen Frontzeck kann ich mir kaum vorstellen, dass sich Eberl, Bonhof und die Geschäftsführung alle auf einmal einig waren, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Wenn man Eberl am Samstag gehört hat, klang das so gar nicht nach Trennung. Vermutlich musste er überredet werden. Meinetwegen könnte sich Bonhof mehr einmischen. Ich bin mir nur nicht mehr sicher, was genau seine Standpunkte sind. Die kommen ja nur ans Tageslicht, wenn Günter Netzer bei Sky sitzt.
Jannik, mit Tippabgaben will ich nicht nerven. Mit neuem Trainer ist Gladbach im ersten Spiel ’ne Wundertüte. Ich hätte mir gewünscht dass Frontzeck noch eine Niederlage mitnimmt. Nun wünsche ich Favre eine gruseligen Einstieg und danach alles Gute, denn eigentlich kann ich sowohl Lucien Favre als auch Borussia ganz gut leiden.
Ich sag’ nur so viel dazu: Als Schalker hätte ich auch lieber letzte Woche gegen Gladbach gespielt. Zumal die letzten beiden Jahre schon keine schönen Angelegenheiten für euch im Borussia-Park waren. Ich erwarte nichts. Und ich erwarte alles.
Ein fast philosophischer Schluss. Und ich sachma: Ma’kucken. Danke für das Interview!
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Foto: Marcel Meier








