Mit Zweifel durchzogene Erwartung. Frühe Erleichterung. Wiederkehrende Sorge. Erlösung. Ein Spiel, das mit einem guten Schiedsrichter deutlich mehr Spaß hätte machen können.
Ich begegne einem Spiel des FC Schalke 04 nie sorgenlos. Nicht dass ich nicht optimistisch sein könnte. Aber ein „Die hau’n wir weg“-Gefühl kenne ich nicht, egal wie die Tabelle ausschaut und wer der Gegner ist. Mein Trost ist, dass es in der Bundesliga derzeit wohl auch keinen anderen Club gibt, der Schalke auf die leichte Schulter nimmt.
Zwei Tore in den ersten 15 Minuten für die Blauen: Das gab es in dieser Saison noch nicht. Da lehnt man sich zurück und seufzt zufrieden. Man ahnt das es so nicht weitergehen würde, hofft es trotzdem, verzeiht der Mannschaft wenn sie einen Gang zurückschaltet, erwartet aber Souveränität.
Ab und zu sehe ich sie nicht, diese Souveränität. Dann sehe ich Heiko Westermann storchenähnlich übers Grün schreiten oder Zambrano ungestüm agieren. Aber dann geht es gut aus, der Kommentator sagt was von bester Abwehr weil Schalke die wenigsten Gegentreffer kassiert hat, und die, die um mich herum sind, sehen in mir einen Frevler. Als der Ball dann aber in der zweiten Hälfte durch die Reihe flipperte, ein Pressschlag dummerweise zum falschen Spieler kam, es nurnoch 2:1 stand und Schalke eine ganze Weile brauchte, wieder die Ordnung zu finden, gab es um mich herum plötzlich mehrere sorgenvolle Gesichter.
Magaths Wechsel kam zum richtigen Zeitpunkt. Carlos Zambrano hatte sich aufgerieben, wirkte ausgepumpt, nachdem Frankfurt in ihm offenbar einen Schwachpunkt ausgemacht hatte und immer wieder über links angriff. Mit Rafinhas Seitenwechsel, dem Rückzug von Lukas Schmitz auf die Linksverteidigerposition und den Rückzug von Ivan Rakitic gewann Schalke wieder an Stabilität. Mit Rakitic’ Tor, von Kuranyi und vor allem Edu herrlich herausgespielt, war das Spiel endgültig gewonnen. Kuranyis Tor, ebenfalls nach tollem Zuspiel, diesmal von Christoph Moritz – ob nun einen Millimeter Abseits oder nicht – setzte einen angenehmen Schlusspunkt.
Es bleibt ein schönes Gefühl. Schönere 90 Minuten hätte man erleben können, hätte Schiedsrichter Guido Winkmann nicht jeglichen Spielfluss zerpfiffen. Zupfer: Pfiff. Ein langer Arm: Pfiff. Zweikampf verloren? Unterschenkel nach hinten klappen und die Chancen auf einen Pfiff standen nicht schlecht. Die Spieler merkten das schnell und nutzen es aus. Fürchterlich.
Eigentlich war es ein Spiel ohne grobe Härten. In der 54. Minute erwischte Zambrano einen Gegner mit der Hand im Gesicht. Zu ungestüm, der „Stiff Arm“ sollte wohl eher die Brust treffen. Eine berechtigte Gelbe Karte und die härteste Szene des Spiels. Trotzdem pfiff Schiedsrichter Winkmann 53 mal! Dreiundfünfzig Foul-Pfiffe in 90 Minuten Spielzeit, dazu 9 Ecken und ungezählte Einwürfe, da bleibt nicht viel Zeit für Fußball. In den anderen 8 Partien des Spieltags gab es durchschnittlich 34 Unterbrechungen durch den Schiedsrichter. Es war erst das zweite Spiel des FC Schalke 04 unter Winkmanns Leitung, das erste liegt bereits anderthalb Jahre zurück. Ich hoffe es dauert mindestens wieder so lange bis zum nächsten Aufeinandertreffen.
Jetzt ist Schalke dank Leverkusens Niederlage tatsächlich Zweiter und schon wird ein Vergleich mit dem VfL Wolfsburg der vergangenen Saison gezogen. Das ist allemal schöner als müsse man sich mit dem FC Schalke 04 der letzten Saison vergleichen, ist aber trotzdem daneben. Wolfsburg war mit Misimovic und seinem Stürmer-Duo in Topform offensiv eine Klasse stärker. Felix Magath mag das Understatement beherrschen, in diesem Falle ist er meiner Meinung nach aber vor allem Realist. Jetzt kommt Stuttgart, dann geht’s nach Hamburg. Es folgt das DFB-Halbfinale auf Schalke gegen die Bayern, das Auswärtsspiel in Leverkusen und das Ligaheimspiel gegen die Bayern an Karsamstag. Ein heftigeres Programm könnte man sich kaum ausdenken. Dann, danach, nach dem Lichtfest, nach dem Ende der Fastenzeit, wenn Christen an Ostern der Auferstehung Jesu gedenken, kann man sich nebenbei in feiertäglicher Ruhe lange genug überlegen, mit wem der FC Schalke 04 der Saison 2009/2010 wohl am besten verglichen werden kann. Bis dahin empfehle ich Demut.