Artikel zum Schlagwort ‘EM 2008’

Zu große Fußstapfen

Als Barcelona bei seinem Gastspiel auf Schalke in der 82. Minute 1:0 führte, machte mich der neben mir sitzende kurtspaeter auf den auf den linken Flügel spurtenden Samuel Eto’o aufmerksam. Zunächst wusste ich nicht was daran bemerkenswert sein sollte. Tatsächlich war er auf dieser Seite bislang selten gesehen, aber gut, ein kreativer Spieler eben. Mir wurde es erst klar, als Sekunden später das Schild mit seiner Rückennummer zur Auswechslung hochgehalten wurde.

Von dort aus hatte er tatsächlich den weitesten Weg zur Spielerbank. Es war die 82. Minute als er ausgewechselt werden sollte, aber sicher die 83., als das Spiel fortgeführt werden konnte. Mit nie mehr als einer dreiviertel Fußlänge pro Schritt bewegte er sich vorwärts, verabschiedete per Handschlag von allen in der Nähe stehenden Mitspielern, winkte mal hier, mal dorthin, zu Tribünen, von denen aus ihn tatsächlich keinerlei Sympathie entgegen schlug.

Diese Szene fiel mir gestern Abend wieder ein, als ich Miroslav Klose in der 89. Minute und der knappsten aller möglichen Führungen vom Platz rennen sah.

Die deutsche Nationalmannschaft spielt heute besser als gegen Österreich und Kroatien, weil …

Herrlich naive Niederländer

Es war ihre bislang schwerste Aufgabe in diesem Turnier, und Oranje scheiterte. Trotz massivem Ersatzleuteeinsatz gelang es nicht, Italien aus dem Turnier zu werfen. Weil jeder einzelne Rumäne so schwach agierte, als sei ihm von Silvio Berlusconi oder einem anderen Paten ein Angebot gemacht worden, das er nicht ablehnen konnte.

Aber vielleicht wollte het Elftal auch einfach tatsächlich gewinnen. Es würde ins Bild passen, welches man von dieser Mannschaft bei diesem Turnier bislang bekommen hat. Eine Mannschaft, die auf ihr schnelles Spiel Richtung gegnerisches Tor setzt, die den Eindruck vermittelt, jeden Gegner überrennen zu können. Und die daran wohl auch selbst glaubt.

Eine Mannschaft, die aber dennoch defensiv schwächen offenbarte, die trotz des hohen Siegs gegen Frankreich vor dem eigenen Tor viel Glück hatte, und von der man bislang nicht weiß, wie sie sich schlägt, wenn sie mal in Rückstand gerät und der Gegner keinen Platz für weiträumiges Spiel lässt.

Die Chancen stehen gut, das Oranje in acht Tagen in Wien noch mal gegen Italien antreten darf. Hoffentlich behält die niederländische Selbsteinschätzung gegenüber meiner dunkleren Ahnung die Oberhand.

[Foto: Jackie Kever]

Ein Hoch dem Spektakel – wenn’s grade passt

90. Minute. 3:2 für die mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein kämpfenden Türken. Aber bei den Türken steht, nach Rot für Torwart Volcan, Mittelfeldspieler Tuncay im Tor. Einmal noch müssten die Tschechen mit dem Ball vors Tor kommen, ein halbwegs gezielter, hoher Schuss …

Und Tuncay hätte im Mittelpunkt eines Elfmeterschießens gestanden.

Elfmeterschießen.
Nicht der Koeffizient aus der Qualifikation hätte entschieden, keine Fairplay-Wertung, kein Los. Spannung, eine Entscheidung im Sinne des Zuschauers, auch im Sinne des Sports, denn immerhin ist dabei ein Ball im Spiel.

Und es lässt interessante Gedankenspiele zu. Man stelle sich vor: Alle 6 Spiele in einer Gruppe enden 1:1. Elfmeterschießen wohin man schaut!

Eins hier, eins dort. Das jeweils andere auf der Videoleinwand. Die Fans, erst von dem ihrer Mannschaft elektrisiert, dann gebannt das parallel stattfindende verfolgend. Jürgen Klopp würde vor Extase den Heimweg nicht mehr finden.
Und dann? Die Sieger in einem weiteren Elfmeterschießen, einen Tag später oder noch in der Nacht (so groß sind die Länder ja nicht), in einem dritten Stadion oder gar auf Kunstrasen, mitten in der Fanmeile – alles im Sinne des Zuschauers, ein Hoch dem Spektakel!

Nein. Soweit geht die Phantasie der UEFA-Funktionäre dann doch nicht. Haben am Ende mehr als zwei Mannschaften dieselbe Anzahl Punkte, sticht eben doch der Koeffizient, die Fairplay-Wertung, das Los. Man mag es als die einfachere Lösung akzeptieren. Diese Regelung gilt allerdings auch dann, wenn es nur zwei Teams mit derselben Punktzahl gibt, diese aber eben nicht ausgerechnet am letzten Vorrundenspieltag aufeinander treffen. Was dazu führen könnte, dass in der einen Gruppe ein Weiterkommen durch Elfmeterschießen, in der anderen aber durch die Fairplay-Wertung entschieden wird.

Eben doch reine Pragmatiker, die UEFA-Funktionäre. Hätte man ihnen kaum zugetraut.

[Das Regelwerk zur EM gibt’s hier. Der beschriebene Sachverhalt wird unter den Punkten 7.07 und 7.08 geregelt]

„So ein Tag, so wunderschön wie heute“

… hallte es durch das Ernst Happel Stadion zu Wien.

Wer Österreich schlägt, kann auch Europameister werden.

Gonzales geliefert

Drei Ecken, ein Elfer erfuhr: Steinmeier telefonierte bereits mit Sakorzy (→ liebt Angela Merkel).
Dieser erklärte sich bereit, mit seinem Landsmann Michel Platini das Verhalten des UEFA-Schiedsrichters zu erörtern. Zur Not, so die Kanzlerin, wolle sie die Angelegenheit zur Chefinnensache erklären. Herrn Gonzales werden wir wohl nur noch eine Halbzeit zu sehen bekommen.

König Otto und sein Harlekin

Gegenüber seinem König Otto gibt sich Rolf Töpperwien grundsätzlich devot. Er will weiter mitgenommen werden, will weiter als des Königs Hofberichterstatter wichtig sein. Doch der König dankt es ihm nicht.

Töpperwien gab in dem Interview nach Griechenlands Ausscheiden Otto Rehhagel bereits in den Nebensätzen der Fragen die medienkonformsten Antworten vor. Und doch scherte sich der Trainer einen feuchten Kehricht darum, ließ Rehhagel Töpperwien auflaufen.

Kritiker würden Rehhagel vorwerfen zu defensiv spielen zu lassen, sprach Töpperwien vorsichtig, dafür gäbe es aber bestimmt gute Gründe?! Doch Rehhagel dachte nicht daran, die fehlende Qualität seines Kaders als Hemmnis für eine offensive Spielweise anzuführen.

„Wir haben immer so gespielt, wie es richtig ist.“

… antwortete der König und begann zu erklären, dass andere Mannschaften auch ihr Heil in der Defensive suchen würden. Doch es war ihm unbequem, er fühlte sich bedrängt, glaubte, wieder die Initiative ergreifen zu müssen. Und tat dies mit einer Gegenfrage:

„Und im Übrigen: Wer bestimmt eigentlich, welches System man spielt? Wer bestimmt das?“

… und brachte sein Gegenüber ins schwitzen.
Töpperwien verharrte eine Sekunde.

Der Gegner!?

„Nein.“ sprach Rehhagel und erlöste ihn nicht, ließ ihn zappeln. Töpperwien wurde blass, seine Augen starrten Rehhagel mehr denn je an, glänzten, etwas stärker noch als sonst.

Die Mannschaft?!

Rehhagel ließ eine Sekunde verstreichen. Dann zeigte sich der König gnädig.
Diese letzte Antwort hätte er abstrafen können. Seine Mannschaft, etwas bestimmen, unter ihm? Aber er ließ es, wusste, dass jeder Fernsehzuschauer gespürt hat, dass Töpperwien noch mindestens weitere 24 falsche Antworten hätte folgen lassen, wenn Rehhagel es darauf ankommen gelassen hätte. Das reichte ihm.

„Niemand!“ … antwortete er, „wir können doch jedes System spielen, dass ist doch nicht verboten. Oder?“

„Richtig“ bestätigte Töpperwien vorsichtig, „Also“ sagte Rehhagel, und Töpperwien ging in die Offensive, sagte, dass Rehhagel doch alle Stürmer eingesetzt hätte, dass er mehr doch gar nicht hätte tun können.
„Bitte“, sagte Rehhagel.

Immerhin noch einigermaßen gutgegangen, dachte sich Töpperwien wohl, und umschmeichelte Rehhagel mit Komplimenten, dass er bald 70 sei und dass er dennoch beweglicher als mancher seiner Spieler wäre; und der König lehnte sich beschwichtigt zurück und lächelte.

Und so genoss Rehhagel nach einem sportlich schweren Abend zumindest noch seinen Triumph über einen Vertreter der von ihm so verabscheuten Medien. Auch wenn es sich nur um seinen persönlichen embedded Journalist handelte.

[Foto: kenyee]