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Einstellung der Ermittlungen gegen Diego: Recht so.

Gestern meldete der DFB die Einstellung der Ermittlungen gegen Wolfsburgs Diego. Das hat bei vielen Fans Unverständnis und Ärger hervorgerufen. Ich denke, dass die Entscheidung richtig und nachhaltig gut ist. Dumm ist nur die Inkonsequenz des DFB in der Regelauslegung.

Am Montag nahm der DFB Ermittlungen gegen Diego auf, nachdem dieser im Spiel Wolfsburg gegen Frankfurt seinem Gegner Patrick Ochs offensichtlich mit Absicht auf dessen Ferse getreten ist. Schiedsrichter Kinhöfer hatte diesen Tritt nicht gesehen, wohl aber hatte er die Situation als solche mitbekommen. Als Ochs am Boden hockte und sich an die Ferse griff bedeutete Kinhöfer ihm, er solle aufstehen und weiterspielen. Offensichtlich ging der Schiedsrichter von einem versuchten Zeitspiel aus.

Eben das erachtete der DFB nun als Bewertung der Situation, wodurch eine Tatsachenentscheidung vorliegt, die den Regeln entsprechend im Nachhinein nicht angetastet werden kann. Wohlgemerkt: Diego wurde nicht freigesprochen! Es ist lediglich so, dass auf Grund der Umstände die Beweise nicht herangezogen werden dürfen.

Man mag nun „Paragraphenreiter“ oder „Bürokratenspinner“ rufen, man mag anführen, dass das nicht im Sinne der Gerechtigkeit sein kann. Das kann ich nachvollziehen. Ich denke aber, dass es im Sinne des Spiels ist, die „Tatsachenentscheidung“ als oberstes Gebot unangetastet gelten zu lassen.

Der DFB hat mit diesem Fall bestätigt, dass das, was der Schiedsrichter sehen kann(!), was sich also in seinem Blickfeld abspielt, im Nachhinein nicht umgedeutet werden darf, selbst wenn der Schiedsrichter sagt, dass er ein Vergehen nicht gesehen hat. Wäre dem nicht so, könnte nach schlichtweg jeder Fehlentscheidung der Ruf nach Regulierung folgen, Schiedsrichter sehen ständig irgendwas nicht, sonst gäbe es keine Fehlentscheidungen. Diesen Grundsatz würde ich gut finden, wenn es denn ein Grundsatz wäre. Leider gibt es Beispiele, in denen der DFB andere Vorraussetzungen für das Argument „Tatsachenentscheidung“ festlegte.

Die Möller-Schwalbe natürlich, oder die Flugeinlage, mit der Mehdi Madavikia im Verbund mit Schiedsrichter Lutz Wagner im Jahr 2007 für den HSV die Saison umbog. Damals war es so, dass es kein Ermittlungsverfahren gegen Mahdavikia gab, weil Lutz Wagner trotz eindeutigster TV-Bilder seinen Fehler nicht zugeben wollte und bei der Behauptung blieb, es habe ein Foul gegeben. Ich – damals junger Blogger, temperamentvoll – hatte mich über dieses Gegenteil von Fairness fürchterlich aufgeregt. Hätte damals der Grundsatz wie im Fall Diego gegolten, hätte Wagner nicht beharren müssen, denn dass eine Strafstoßentscheidung stets im Blickfeld des Schiedsrichters liegt, ist klar.

Ich bin grundsätzlich gegen Videobeweise, Chips oder Torkameras, meines Erachtens sollte das Spiel bleiben wie es ist. Ich fände es gut, wenn der DFB generell die Entscheidungen und Fehler der Schiedsrichter nicht antasten würde. Es ist die Unstetigkeit des DFB, die es so kompliziert macht.



Foto: Michael Thurm

Contra der Woche

„Wir verwahren uns gegen die unsachlichen und populistischen Äußerungen aus dem Hause des FC Bayern München.“

Worte der DFL zu einer Pressemitteilung der Münchener bezüglich dessen, was in den Medien „Rasen-Streit“ genannt wird. Da niemand streitet müsste es eigentlich „Rasen-Beschwerde“ heißen. Noch präziser wäre „Nebenschauplatz-auf-die-Kacke-Gehaue nach erfolgreichem Verdrängen eigener Schlechtleitungen in der Vergangenheit“.

Die zwei Meinungen des Spieltags 23/47

„Dante, zwar ohne Absicht, aber mit klarer Bewegung zum Ball.”

So urteilte der Kommentator der ARD-Sportschau über die Situation, in der der Gladbacher Dante in der 73. Spielminute des Spiels gegen Hoffenheim den Ball mit dem Arm traf. Dem Tonfall und dem weiteren Kommentar entsprechend wollte er damit ausdrücken, dass es einen Strafstoss hätte geben sollen.

Laut Regel 12, Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen, muss ein Handspiel absichtlich erfolgen, um als Vergehen geahndet zu werden. Die Frage, ob sich die Hand oder der Arm zum Ball bewegt oder nicht, wird in den anliegenden Ausführungen zu dieser Regel lediglich als Entscheidungshilfe für den Schiedsrichter genannt. Außerdem sei an dieser Stelle mal erwähnt, dass das Wort „natürlich“ im Regelwerk nur in Bezug auf zum Spielfeld bzw. zur Ausrüstung gehörende Gegenstände vorkommt.

Schiedsrichter Wolfgang Stark hatte das Handspiel Dantes als nicht absichtlich beurteilt, ebenso wie der Sportschau-Kommentator. Eigentlich hätten sich beide darüber einig sein sollen, dass die Aktion nicht strafwürdig war.

Dagegen. Trotzdem.

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Nach jeder spielentscheidenden, eindeutig falsch gefällten Entscheidung eines Schiedsrichters schreit halb Fußballdeutschland nach „technischen Neuerungen“. Halb Fußballdeutschland? Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Der lautere Teil, jedenfalls. Dabei wurden alle Argumente bereits zigfach ausgetauscht. Aber wenn gekräht wird, muss eben zurückgekräht werden. Und obwohl es nun meinen Verein erwischt hat, bin ich weiterhin gegen die Installation jeglicher Entscheidungsautomaten.

Es ginge ohne weiteres, wäre technisch kein Problem, Schalke hätte 2 Punkte mehr und ein Profi der dagegen ist, ist ein Amateur.

Natürlich ginge es technisch ohne weiteres, aber würde alles gemacht was ginge, hätte Schalke vielleicht schon gegen Hoffenheim 2 Punkte weniger eingefahren. Denn mit selbem Recht und gleichen Argumenten hätte man auch die Überprüfung der strittigen Strafstoßentscheidung im Spiel gegen Hoffenheim fordern müssen. An jedem Wochenende beeinflussen die Entscheidungen der Schiedsrichter Spielrrgebnisse auf sehr direkte Art.

Konsequenz wäre irgendwann ein Spiel ohne Schiedsrichter, beäugt von zahllosen Kameras und Scannern rund ums Spielfeld, bei dem ein datenlesender Ball auf Nanotechnologie-Kunstrasen von chip-bewehrten Fußballschuhen getreten wird. Ein Mega-Computer würde alle Daten auswerten, bei Foul, Abseits, Schwalbe oder Tor per Lautsprecher-Pfiff einschreiten und seine Entscheidung auf der Video-Leinwand kundtun. Die Folge: ein fehlerlos bewerteter, aber auch arg seelenloser Kick.

… schreibt Thomas Mewis sehr richtig in der Mainpost.

Nein, rufen die Torkamera-Befürworter, das ist doch alles übertrieben, alles Quatsch. Es geht doch nur um die Torentscheidungen, alles andere soll doch so bleiben. Und ich antworte: Ich glaube Dir Deinen guten Willen, aber ich halte Dich für naiv. Erkläre Deine eingeschränkte Vision doch mal den Iren.

Zeit für Lobbyisten

In den letzten Jahren ist die Welt immer kleiner geworden. Wer früher darauf wettete, dass die TSG Sprockhövel Unentschieden gegen Germania Windeck spielen würde, kann heute voraussagen, welcher Spieler im 3. Spiel der 2. norwegischen Liga als erstes einen Gelbe Karte sehen wird. Wenn Wetten zum Problem wird, hat man es mit einem globalen Problem zu tun. Ein globales Problem lässt sich durch nationale Gesetze nicht lösen.

Seit Jahren verdient die Bundesliga viel Geld mit Werbung privater Wettanbietern, obwohl in Deutschland die Nutzung dieser Anbieter verboten ist. Nun nehmen Deutschlands Fußballfunktionäre den aktuellen Wettskandal zum Anlass, sich für ihre Sponsoren einzusetzen. Sie fordern eine „Liberalisierung“, d.h. ihrem Geldgeber soll das Geschäft erleichtert werden, auf dass der Geldgeber mehr Geld gäbe. Als könne man vermuten, es wäre auch nur in einem Fußballspiel weniger betrogen worden, gäbe es mehr Wettanbieter in Deutschland.

Unabhängig davon, ob man die staatliche Regelung zu Glücksspielen in Deutschland befürwortet oder nicht: Diese Lobbyarbeit ist so offensichtlich dass es schmerzt. Die schmalen Gedankengänge sind so plump, dass es fast peinlich ist. Allein es fehlt die öffentliche Empörung – wohl weil das Volk gerne wetten will.
Die Hure Bundesliga liegt seit langem mit ihrem Glücksspielfreier im Bett. Nun möchte sie mit ihm flanieren.

HSV-Fans die gearschtesten

Gearscht, gearschter, am gearschtesten. Wer seinen Club zu Auswärtsspielen begleiten will, freut sich über Samstagsspiele. Wer sich teure Bundesligatickets nebst Fahrkosten leistet, muss freitags noch arbeiten. Und Sonntagabend durch die Republik zu cruisen ist auch nur bedingt entspannend, wenn montags früh der Wecker klingelt.

Letzte Woche haben sich Fans der Borussia aus Mönchengladbach in einem offenen Brief an die DFL gewandt. Darin beschweren sie sich über eine ungerechte Verteilung in der Spielansetzung. Und in der Tat: Bis zum 10. Spieltag, bis zu dem für alle Vereine also 5 Auswärtsspiele auf dem Plan stehen, muss die Borussia viermal sonntags durch das Land reisen, während vier andere Clubs überhaupt nicht betroffen sind. Noch schlimmer trifft es nur die Fans des HSV.

Die Hamburger werden tatsächlich bis Ende Oktober überhaupt kein Auswärtsspiel an einem Samstag bestreiten. Alle fünf Spiele waren oder sind für sonntags angesetzt. Und die Gegner sind keinesfalls um die Ecke. Schon nach Gelsenkirchen sinds 350 km, nach Frankfurt knappe 500 km, und zum ersten Saisonspiel gings direkt mal nach Freiburg, wozu rund 750 km zurückgelegt werden mussten. Und weil man ja doch wieder nach Hause will, werden Hamburger Allesfahrer bis Ende Oktober die sonntägliche Ruhe unserer Republik mit ergoogleten 4.232 Autokilometern gestört haben.

[via @haeby]

Zensursula lässt Grüßen

Wir habe doch heute die technische Möglichkeiten. Eine Torkamera macht absolut Sinn, und es geht ja auch nur um solche Entscheidungen. Abseits, Elfmeter, alles andere soll ja so bleiben wie es ist.

So hat es Rudi Völler gesagt, und er ist damit weiß Gott nicht alleine. Nach jeder strittigen Torszene branden Diskussionen um eine Torkamera auf. Dass man dabei nicht das Spiel verändern wolle, dass man aber doch die technischen Möglichkeiten nutzen müsse, wird dabei von nahezu jedem Befürworter erwähnt.

Meines Erachtens sind die Parallelen zur Diskussion um das „Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie im Internet“ unverkennbar. Niemand will Kinderpornografie bewahren, sondern es geht darum die Ausweitung und die Willkür im Umgang mit Internetsperren zu verhindern. Niemand will, dass korrekt erzielte Tore aberkannt werden oder Phantom-Tore zählen, sondern es geht um die Bewahrung des Spiels als solches, mit seinen unmittelbaren Entscheidungen und dem menschlichen Schiedsrichter als höchste Instanz.

Kaum war von Gesetzes wegen die Nutzung der „technischen Möglichkeiten“ in Sachen Internet-Sperren erlaubt, gab es Forderungen diese auch für andere Zwecke einzusetzen. Falls im Fußball die Entscheidung Tor oder kein Tor per Videobeweis hinterfragt werden dürfte: Gibt es tatsächlich wache Geister die bezweifeln, dass in Folge der nächsten strittigen und entscheidenden Frage nach einem Strafstoß nicht wieder nach der Nutzung der technischen Möglichkeiten geschrien würde?

Bezüglich der Internet-Sperren wurde die Öffentlichkeit dank einer wachen Minderheit dazu sensibilisiert, dem Gesetzgeber auf die Finger zu schauen. Wie erfolgreich das sein wird, wird man sehen. Gegenüber Politik, Gesellschaft, Leben ist Fußball vergleichsweise unwichtig, den Granden des Fußballs gibt niemand Kontra. Es fühlt sich schlecht an, aber alles was bleibt ist auf die Starrköpfigkeit der alten Männer der FIFA zu vertrauen. Sie scheinen Geld dafür zu bekommen, das Spiel zu erhalten, anders ist ihr Verhalten gegenüber sonstigen Gepflogenheiten nicht zu erklären.
Ich gönn’s ihnen.