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Lang lebe Asi Erich oder: Kein Foto ohne ‚nen Euro

Nein, an dieser Stelle folgt kein moralisches „Wort zum Sonntag“, aber abseits aller Themen die uns ansonsten gegen Saisonende so beschäftigen, vielleicht mal etwas zum Nachdenken.

Vor gut drei Wochen setzte irgendwer ein Gerücht in die Welt: „Asi-Erich“ sei verstorben. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer am Schalker Markt, Entsetzen und Anteilnahme waren – insofern man dem Gerücht Glauben schenkte – groß.

„Unser“ Asi-Erich ist, viel zu früh, von uns gegangen. Erich – ein Original, Erich – der mit dem Kultstatus, Erich – ein Schalker durch und durch, Teil unserer Jugend, unserer Identität, Teil unsere Schalker Vereinsfamilie, Kultur, Seele, Asi-Erich-Fussballgott.

Zwei Tage bevor diese schäbige Nachricht lanciert wurde hatten zahlreiche Schalker Erich noch gesehen, konnten bezeugen, er habe eigentlich gepflegt und gut wie lange nicht mehr ausgesehen. Jedenfalls trauten einige Schalker dem Braten nicht und machten sich schlau, fragten bei Polizei etc. nach – doch niemand wusste etwas von Erichs Ableben. Und so kam es, pünktlich zu Ostern, zur Auferstehung Erichs. Und das ist auch gut so.

Es ist in der jüngeren Vergangenheit teilweise zu einem Erich-Hype gekommen. Schön am Spieltag zu beobachten. Jede/r 04te möchte mit ihm fotografiert werden, es kommt dabei manchmal auch zu Gesten und Sprüchen die man als wenig respektvoll empfinden kann. Teilweise sogar als degoutant. Dabei sind die Leute (teils volltrunkene Komiker) die sich mit Erich ablichten lassen wollen nicht selten „more Asi“ denn Erich selbst. Aber Erich, so ist er, macht immer jeden Scheiß gerne mit – wie sollte er sich auch wehren? – und es soll ja hier auch keine Moralapostelei folgen.

Allerdings, und das muss einfach mal gesagt werden, hat Erich durch seine unverhoffte Auferstehung auch irgendwie ’ne „zweite Chance“ verdient. So groß die Bestürzung bei allen über sein vermeintliches Ableben war, so groß könnte doch auch im wahren Leben bei genau diesen Leuten nun auch die Bereitschaft sein, ihm ab und an mal irgendwie zu helfen. Nicht wahr? Erich ist nämlich vor allem eines: Ein ganz feiner Kerl, ein Schalker durch und durch, bei dem im Leben halt nicht alles so gelaufen ist wie wir es uns für unser eigenes Leben vielleicht wünschen.

Nein, Erich wird wohl nie wieder arbeiten gehen, keine Wellness-Gutscheine für ein Hotel brauchen oder Entschlackungskuren mitmachen wollen. Und drückt man ihm Kohle in die Hand wird er sie ganz sicher auch nicht für einen Bausparvertrag einzahlen (er hat ja nicht einmal einen festen Wohnsitz, ’ne eigene Wohnung). Ja und?

Aber wenn man ihm mal ’nen Pils ausgibt oder 2€ in die Hand drückt, einfach so, ohne das er „betteln“ kommen muss, ohne das man sich im Kollektiv darüber lustig macht, dann hat Erich wesentlich mehr davon als irgendwelche Beileidsbekundungen in der virtuellen Welt der sozialen Netzwerke …

Macht doch ruhig ein Foto mit Erich wenn er es okay findet (fragt vorher!), aber steckt ihm ruhig doch auch was zu (ungefragt): KEIN FOTO OHNE `NEN EURO!!!
Ein Heimspiel ist noch. Erich wird da sein. Ganz sicher. Und hoffentlich noch viel öfter. Also, haut mal einen raus! Gebt einen aus! Nicht darüber Lachen weil er wegen wiederholtem Schwarzfahrens mal wieder im Knast sitzt, sondern mit den Kumpels unbürokratisch fürs Bahnticket sammeln. Macht was!
Habt Respekt vorm „Fußballgott“ und helft ihm! Mit Betroffenheit allein – und Verarsche – ist ihm ganz sicher nicht geholfen.

Stevens löst schwierige Situation offensiv

Schalke dreht in der 2. Halbzeit das Spiel in Köln und kommt mit einem 4:1 Auswärtssieg zurück nach Gelsenkirchen. Das war zwar zu hoffen, aber wegen der Kölner Heimstärke und der Schalker Verletzungsmisere, nicht zwangsläufig zu erwarten. Auf dem Konto stehen nach jetzt 19 Spieltagen 40 Punkte. Um kurz daran zu erinnern woher wir kommen: 40 Punkte, das war exakt der Punktestand am 34. Spieltag der Vorsaison.

1. Halbzeit: Köln 1 – Schalke 0

Bei der Beantwortung der im Vorfeld viel diskutierten Frage, durch wen oder wie oder ob überhaupt der verletzte Raúl in seiner zentralen Rolle im Schalker Spiel ersetzt werden kann, überraschte Huub Stevens alle. Er brachte Ciprian Marica auf der Position von Raúl. Dazu lief Draxler von Anfang an auf. Alle anderen Positionen blieben entsprechend dem Spiel gegen Stuttgart besetzt. Der Effzeh begann stark und Podolski nutzte einen Ballverlust im Aufbauspiel von Höger eiskalt und ging direkt in Führung. Köln zog sich danach etwas zurück, staffelte die Abwehrreihen tief und dicht und lauerte auf Konter. Der lauf- und spielfreudigen Schalker Offensive gelang es nicht, den entscheidenden Ball Richtung Kölner Tor durchzustecken. Dem letzten Pass, der letzten Flanke fehlte die Präzision oder der letzte Laufweg passte nicht. Es fehlte die Ruhe und Übersicht um den tödlichen Pass für den Ausgleich vorzubereiten. Es fehlte Raúl. Köln ließ sich weder aus dem Konzept noch aus der Ruhe bringen, spielte teils auf Zeit, blieb aber mit Kontern immer brandgefährlich. Podolski hatte kurz vor der Pause das 2:0 auf dem Fuß.

2. Halbzeit: Köln 0 – Schalke 4

Huub Stevens reagierte in der Halbzeit massiv und stärkte taktisch und spielerisch die Offensive. Er löste die Doppelsechs auf und stellte auf Mittelfeldraute um. Uchida ging aus dem Spiel. Höger wechselte auf die Außenverteidigerposition. Jurado kam ins Team und nahm die Position hinter Huntelaar und Marica ein, die nun als Doppelspitze agierten. Mit Jurado als zusätzlicher Anspielstation gewann das Schalker Offensivspiel nach und nach an Struktur und Durchschlagskraft. Spielzüge wurden zu Ende gespielt. Flanken und Pässe fanden den Mitspieler. Der Fluidität der Schalker Spieler in ihren Offensivbewegungen konnte Köln kaum noch folgen. So war es beispielsweise Huntelaar, der Fuchs mit einem langen, präzisen Pass aus zentraler Position, zur Grundlinie an der gegnerischen linken Eckfahne schickte. Fuchs scharfe Flanke drückte Ciprian Marica vom Fünfmeterpunkt per Kopfball zum Ausgleich ins rechte untere Eck, während am langen Pfosten auch schon wieder Huntelaar auftauchte. Mit der auch im Anschluss weiter hohen Kampf- und Laufbereitschaft baute die Schalker Offensive in der spielentscheidenden Phase Mitte der 2. Halbzeit derartig viel Druck auf, dass die Kölner Defensive auseinander fiel. Drei weitere Schalker Tore waren die Folge.

Gegen alle Widrigkeiten, gelang es Huub Stevens im richtigen Moment, durch Drehen an den taktischen Stellschrauben und mit einer Auswechselung, sein Team neu aufzustellen. Geschickt versetzte er so die Schalker Mannschaft in die Lage, gegen einen heimstarken Gegner das Spiel zu drehen. Erstaunlich am Spiel gegen Köln war für mich, dass mit den aktuell einsatzfähigen Schalker Spielern derartig viel Offensivdruck bei einigermaßen sicherer Defensive aufgebaut werden konnte. Und das geschah hauptsächlich durch die Besetzung der „10“ mit einem technisch und taktisch starken Spieler in guter Tagesform, der als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Doppelspitze agierte. Interessanterweise stehen dem Team mit Raúl, Jurado, Baumjohann und Holtby vier Spieler zur Verfügung, die alle diese Rolle der „10“ übernehmen können.

Wie das Team in den Spielen ohne Farfán, im Spiel gegen Stuttgart ohne Farfán, Holtby und Jones und zuletzt gegen Köln dann auch noch ohne Raúl gezeigt hat, ist es in der Lage sich komplett neu zu orientieren und zu organisieren. Man kann davon ausgehen, dass zwischenzeitlich einige wichtige „System-“ oder „Konzeptideen“ unserer letzten beiden Trainer und der Co-Trainer von der Mannschaft aufgenommen und automatisiert wurden. Dass aktuell auf Schalke eine Mannschaft zusammengewachsen ist, kann kaum noch übersehen werden.

Paradoxerweise scheinen die Schalker als Team sogar von Verletzungen und Sperren zu profitieren. Durch den Zwang sich Alternativen erarbeiten zu müssen und in Kombination mit dem „glücklichen Händchen“ der Trainer, kommt das Team mit mehr spielerischen und taktischen Varianten aus der jeweiligen Misere als am Ausgangspunkt vorhanden waren. Das schafft nicht nur neue Optionen für den Trainer bei der Mannschaftsaufstellung sondern auch zusätzlichen Verhandlungsspielraum für den Manager bei der weiteren Kaderzusammenstellung.

Nach den Siegen der beiden Führenden steht Schalke weiterhin nicht im ganz großen Rampenlicht. Das Team kann so mindestens eine weitere Woche mit dem Status und dem kleineren Druck des Underdogs weiterarbeiten und trainieren. Horst Heldt kann gelassen in die noch anstehenden Vertragsverhandlungen gehen.

Mein Dank geht an Torsten, für die Möglichkeit, das Spiel zum 40-Punkte-Meilenstein hier in seinem Blog kommentieren zu können.

Nichts von dem, was schönen Fußball ausmacht

Schalke 04 gewinnt bei Hertha BSC Berlin mit 2:1. Dies ist ebenso ein Grund zur Freude wie die Tatsache, dass Schalke 04 mit 31 Punkten nach 16 Spieltagen in Schlagdistanz zu Spitzenreiter Bayern München auf Platz 3 der Tabelle steht. Alles bestens also könnte man meinen. Schalke ist in der Spur. Aber der kritiklose „Alles Super“-Beitrag war letzte Woche.

Huub Stevens sagte nach den ersten beiden Spielen seiner zweiten Schalke Amtszeit: „Wir haben so viel Potential in der Offensive, diese Stärken müssen wir ausnutzen.“ Diese Aussage ist knapp 8 Wochen alt. Seitdem hat Huub Stevens Jermaine Jones wieder in die Mannschaft eingebaut. Fast niemand würde behaupten, dass dies eine falsche Entscheidung gewesen wäre. Defensiv ist Schalke um einiges stabiler geworden und daran hat Jones einen enormen Anteil. Außerdem hat er den langjährigen Innenverteidiger Benedikt Höwedes als rechten Verteidiger installiert. Auch dies hat der Schalker Defensive wohl eher gut getan denn geschadet.

Aber sonst: Schön, dass wir uns Herthas Schwäche in der Spielgestaltung zu Nutze gemacht haben, indem vor allem in der zweiten Hälfte Schalke den passiven Part übernahm, erst 40 Meter vor dem Tor angriff und Hertha quasi keine Torchance mehr erlaubte. Ein zum wiederholten Mal beobachtetes Phänomen gegen einen eigentlich unterlegenen Gegner. Das alles mit Schalkes, einstmals auch vom Trainer gerühmten, Offensivpotential. Huntelaar, Pukki, Holtby, Raul, Draxler, Farfan. Eine Legende, weitere klingende Namen, hoffnungsvolle Talente, da ist doch alles dabei was ein Offensivfeuerwerk braucht. Statt dieses Potential auszunutzen, richtet man sich nach einem, im Vergleich, qualitativ wesentlich schlechter besetzten Gegner. Es wird der eigene Sechszehnmeterraum abgeriegelt und die Pille lang nach vorn geholzt, auf Fehler des Gegners gewartet und auf Standardsituationen gesetzt. Wie in besten Zeiten des Rumpelfussballs in den 90ern oder dem Ende von Mirko Slomkas Schalker Karriere. Das ist also der neue Anspruch.

Es gibt unter Huub Stevens quasi nichts von dem, was ein Fussballfan unter attraktivem Fussballspiel versteht, es gibt kein Vorwärtsverteidigen, kein Doppeln, kein Rochieren, keine einstudiert wirkenden Spielzüge, kaum Direktpassspiel, kaum überraschende Dribblings, kaum schnelle, überfallartige Angriffe. Und damit quasi nichts von dem, was Ralf Rangnick in den Verein und die Mannschaft integrieren wollte, quasi nichts von dem, was ich als Schalke- und Fußballfan auch gerne von meinem Verein sehen würde und quasi nichts von dem, was schönen Fußball ausmacht. Ich rede nicht von Spielen gegen Leverkusen, Dortmund oder München. Spiele in denen man nicht per se die besser besetzte Mannschaft stellt, Spiele in denen man vorsichtiger auftreten kann. Sondern von den Kicks gegen Augsburg, Freiburg, Bukarest, Larnaka oder eben jetzt Berlin. Von Spielen, in denen man die richtige Richtung einschlagen könnte, um dann auch in Zukunft gegen gleichwertige Gegner das eigene offensive Spiel durchdrücken zu können. So man denn wollen würde. So man denn auf ein offensives Spiel aus wäre.

Huub Stevens Weg mag bislang erfolgreich sein und natürlich ist sein Weg legitim. Er ist nur leider das Gegenteil von der einstigen Vorgabe. Momentan habe ich keinen Spaß an Schalkes Fußballspiel. Ich kann mich maximal am Ergebnis erfreuen. Und das reicht mir nicht.

Bitter, bitter … aber nicht nur!

Natürlich hätte ich nach einem Sieg anders begonnen, mit dem königsblauen Auto, bei dem ca. 300 BVB-Schals aus jeder Öffnung hingen, und dass 175 km vor Dortmund das erste Lebenszeichen vom Derby war. Mein Gedanke war nur, dass hier die Insassen ihr eigenes Auto nicht verstehen und wie bedröppelt sie zurückfahren würden … Der erste Schalker, den ich sah, hatte sein Auto ca. 140 km vor dem Ziel ungesichert auf dem Standstreifen abgestellt und pieselte fröhlich in aller Öffentlichkeit in die Landschaft, während ich noch die 6 km bis zur nächsten Raststätte durchgehalten habe. Danach habe ich gegrübelt, ob mir für einen echten Schalkefan vielleicht noch eine gewisse Unbekümmertheit fehlt …

Da ich mich durch die Gefühle nach einer Niederlage durchschlagen muss, fällt mir erst mal das Verkehrschaos um die hässliche gelbe Arena ein. Die Polizei hatte offiziell und schriftlich das auswärtige Publikum aufgefordert, sein Navi auf „Rheinlanddamm“ einzustellen, um es dann auszuschalten und sich ganz vertrauensvoll in die winkenden Hände der Freunde und Helfer zu begeben. Nur leider gab es diese nicht, und um mich herum blickten mich Kölner, Frankfurter, Karlsruher, Hamburger Gesichter durch die Autoscheiben an, so ratlos wie mein eigenes, wie es denn nun weiter ginge. Jeder suchte sich auf’s Geratewohl einen Weg, und erst nach gefühlten 30 km landeten wir auf bröckeligem Gelände, wo wir – unfreundlich! – zur Zahlung von 6 Euro aufgefordert wurden. Wie sahneleicht, gratis, freudespendend und geordnet ging es dagegen in Gelsenkirchen zu!!

Da der Parkplatz riesig und gänzlich unmarkiert war, versuchte ich mir, Häuser, Bäume und Wegessteine zu merken, um in der Dunkelheit nach dem Spiel, mit der Pupillenlampe in der Hand, mein Auto vielleicht irgendwann wiederzufinden; was später auch erst nach längerem Suchen gelang. Dann stieß ich im wilden Niemandsland auf eine grimmige Reiterstaffel, die mir den angestrebten Weg versperrte. Da ich selber jahrelang geritten bin, sah ich die Pferde mit Vergnügen, aber eine Annäherung war nicht erwünscht.

Erst nach all diesen Hindernissen sah ich endlich Fußballfans, jedoch nur gelbe, gelbe, gelbe, wohin das Auge reichte. Mein Schal steckte zusammengefaltet in der Innentasche meiner Outdoorjacke. Am Drehkreuz wieder eine gewisse Unfreundlichkeit, aber ich blieb unverdrossen. Wer zuletzt lacht … und dann ENDLICH SCHALKER. Sie standen in kleinen Gruppen im Eingangsbereich, und ich machte mich erstmal auf, meinen Block zu suchen. Neben mir keuchte ein netter, älterer Herr atemlos die Stufen hoch. Ich übersah seinen hässlichen, schwarzgelben Schal, als er mich freundlich ansprach. Es war ein Thüringer Fußballfreund, auf der Suche nach seiner Borussia. Naja. Als er unsere Freundschaft durch ein Foto festigen wollte, zog ich den Schal raus, er erschrak, knipst dann aber trotzdem tapfer. Er fragte, was ich tippe, ich sagte „Auswärtssieg!“, was ihn erneut zusammenzucken lies.

Das erste Mal ahnte ich Böses, als ich auf meinem Ticket die Zahl 43 für meine Sitzplatzreihe bewusst las. GENAU in dieser Reihe hatte Matthias Berghöfer 2007 gesessen, beim 2:0 der Dortmunder gegen Schalke, was man in seinem Buch auf S.163 nachlesen kann. Alle Versuche, einen Tauschpartner für diesen vermaledeiten Sitzplatz zu finden, schlugen fehl, und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

Dabei beeindruckte mich am Anfang die Lautstärke der Schalker Fans, neben deren Block ich saß. Sie erhoben mehrfach ihre Stimmen zu einem gewaltigen Gesang und schwangen dabei drohend ihre Fäuste. Kurz dachte ich an Krieg und Flucht. So muss es sein, wenn die wilden Horden einfallen, um alles zu zerstören, was sich ihnen in den Weg stellt. Das hässliche Metalldach über mir verstärkte diesen infernalischen Sound. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn alle Dortmunder vor Angst aus der Arena geflohen wären. Aber leider blieben sie.

Und dann kamen die königsblauen Spieler. Keine Überraschung in der Aufstellung, die Spieler, die gegen Hannover gefightet hatten, die gegen Nürnberg vier Tore geschossen hatten, die eigentlich – gut eingestellt und angstfrei – die Dortmunder vom Platz hätten fegen können/wollen/sollen, sie behandelten das Spielgerät rätselhaft unbeholfen, stolperten darüber, über die eigenen Füße und die der Gegner, was gleich mal in der zweiten(?) Minute zu einem Freistoß führte, der haarscharf am Tor vorbei fegte. Die erste Halbzeit verbrachte die gesamte Nordtribüne – ich dabei – in ständigem Aufspringen, um den Ball um das zu unseren Füßen in der Tiefe befindliche Tor flitzen zu sehen. Wenn er nicht drin war, stöhnten wir wenigen Schalker vor Erleichterung auf, während die Dortmunder, die hier in zehnfacher Überzahl saßen, ihren Augen nicht trauten, was für Chancen ihre Mannschaft hatte. Stinkefinger wurden vom Schalkeblock aus gezeigt, als die Gelben „Ratlos 04“ skandierten und danach zurück stinkefingern.

In der Pause gab es einen geradezu unglaublichen Toilettenmangel zu beklagen, so dass das Spiel schon lief, als ich die hässliche Arena wieder betrat, in der gerade die Schalker stürmten. Ich sah mit Befriedigung, dass meine Sitznachbarn nachdenklich wurden und schmetterte ihnen entgegen, dass es jetzt erst ein richtig gutes Spiel würde. Dann kam Santanas Tor, und die Schalker beeindruckten Dortmunds Stinkefingerzeiger mit ihrem Liebeslied an ihren Verein: „Der Mythos vom Schalker Markt“.

Was ich auch sah: Eine Frau, die einen Schalke- und einen BVB-Schal zu einem Schal zusammengerollt hatte und beide um den Hals trug. Gegenseitigen Respekt zwischen den Fans beider Vereine, viel mehr als ich mir das vorher vorgestellt habe. Die vielen Szenen kann ich gar nicht alle schildern. Auch Humor. Und neben mir auf der linken Seite, zwei Männer, verschwägert erzählten sie mir, sie gehen zu jedem Derby zusammen, der eine BVB-, der andere Schalkefan. Wir haben viel gelacht. Auch wenn dem Schalkeschwager und mir nach dem Spiel erstmal die Ohren hingen …

Gestern war die Mannschaft nicht gut eingestellt, oder was auch immer der Grund war für das schlechte Spiel. Die Blauen verteilten sich über den ganzen Platz mit riesigen Abständen zwischen den einzelnen Spielern, sie pressten nicht früh, sie ließen die Dortmunder kommen, standen viel zu tief, bei Angriffen blieben defensives Mittelfeld und Abwehrreihe stehen, als ginge sie das Ganze nichts an. Nach vorne kamen hohe Bälle, die in ihrer mangelnden Präzision oft ins Nirwana gingen. Es war zum Schaudern.

Den tiefsten Eindruck hat aber heute nicht das Spiel hinterlassen, sondern das Verhältnis, das viele Menschen beider Vereine zueinander haben: Respektvoll, feindselig und voller Humor. Als ich bei der schlecht organisierten Abfahrt eine halbe Stunde in meinem Auto saß, ohne dass ich es auch nur drei Meter hätte weiterbewegen können, fuhr ich die Scheiben runter und beschallte den Parkplatz mit dem Steigerlied und anderen Schalkeliedern, die ich seit Wochen im CD-Player habe, während die Fans beider Vereine an mir vorbeizogen … ich war glücklich, auf der richtigen Seite zu sein! … und wie friedlich um mich herum alles ablief, und sinne doch auf Rache im nächsten Jahr!

Huub – Version 2.0

Huub Stevens’ Rückkehr an die Schalker Seitenlinie bescherte mir vor dem Gastspiel in Hamburg Gefühle wie auf der Fahrt zu einem Klassentreffen. Eine seltsame Mischung aus kribbeliger Wiedersehensfreude und doch ernsthaften Zweifeln, ob die guten alten Zeiten nicht dann immer am schönsten strahlen, wenn man sie einfach ruhen lässt. Schließlich hat sich Hubertus Jozef Margaretha Stevens ja so gar nicht verändert. Wer in Interviews seiner eigenwilligen Sprachmelodie folgt und dabei die Augen schließt, sieht sie alle wieder vor sich: Die Klasse von 1997. Und wenn man die Augen wieder öffnet, steht da immer noch der Mann, für den der zu weit sitzende Trainingsanzug erfunden wurde. Und selbst sein Friseur lebt noch.

Zum Glück liegt die Wahrheit nicht nur an der Seitenlinie. Und auf dem Platz hat sich Stevens mit dem 1-2 Auswärtssieg erstmal genug Rückendeckung verschafft, um ohne den schalkeüblichen Druck an der Update-Version seiner bisherigen Spielphilosophie – oder was das Klischee dafür hält – arbeiten zu können.

In Hamburg begann Stevens zunächst als treuer Verwalter des geerbten Rangnick-Nachlasses. Schalke verteidigte hochstehend wie es in der ersten Ära Stevens unverzüglich unter Strafe gestellt worden wäre, nahm Petric und Guerrero schon kurz hinter der Mittellinie in Empfang, während sich Holtby in der gegnerischen Hälfte gekonnt in der Kunst des Abgrätschens übte. Gefahr entstand so nur, wenn der HSV das hohe Risiko mit Pässen in die Schnittstelle zu bestrafen versuchte. Zweimal mussten so Metzelder, der erneut am Stammplatz schnuppern durfte, und Fährmann retten. Der Schalke-Keeper hatte allerdings während der gesamten Partie sein Nervenkostüm in der Umkleide hängen lassen, was im Schalker Block die Zahl der tief sitzenden Stirnfalten zeitwillig bedenklich in die Höhe schnellen ließ.

Mit zunehmender Spieldauer verlagerte sich das HSV-Spiel nahezu ausschließlich auf die rechte Angriffseite, wo sich Fuchs wiederholt Petric und Töre gegenüber sah, zumal Jurado mit sturer Beharrlichkeit seinen Sicherheitsabstand zu jeglicher Abwehrarbeit einhielt und sein Zusammenspiel mit Fuchs nur Stückwerk blieb. Zwangsläufig kam Schalke in der Folgezeit vermehrt über rechts zu Offensivaktionen. Högers unbedrängt geschlagene präzise Flanke verwertete Huntelaar mit einem sehenswerten Kopfball zum 1:0, begünstigt allerdings auch durch die verspätete Rückkehr der Hamburger Innenverteidigung vom Sonntagsspaziergang.

Erst nach einer halben Stunde geriet die bis dahin überzeugende Schalker Ballkontrolle unvermittelt ins Stocken. Die Spielverlagerung auf die Außenbahnen gestaltete sich schwieriger, Abstimmungsprobleme zwischen Holtby, Papadopoulos und Höwedes wurden auch auf dem Platz eifrig ausdiskutiert. Schließlich ermöglichte Höwedes an der Mittellinie im Stolpermodus Petric das Kontertor.

Für die zweite Hälfte hatten beide Trainer kräftig an der Taktik gefeilt. So entstand nun fast eine spiegelverkehrte Drehung des Spielverlaufs. Der HSV zog den unermüdlichen Töre auf die brachliegende linke Seite und verlagerte so sein Spiel, während Draxler unerwartet nicht Jurado, sondern Farfan auf rechts ersetzte. Gänzlich gedreht wurde die Partie jedoch, als Stevens kurz nach der Pause Jones als echten zweiten Sechser für Holtby ins Spiel brachte. Mit überraschenden Folgen: Ohne den Ballverteiler im Mittelfeld wurde nun der bis dahin inexistente Jurado immer häufiger gesucht und die in Durchgang eins kaum geprüfte rechte HSV-Abwehrseite geriet gegen Jurado und Fuchs wiederholt ins Hintertreffen – wie auch beim sehenswerten Siegtreffer durch Huntelaar. Mehr war nicht drin, vor allem weil das Schalker Konterspiel in der Schlussphase gleich mehrfach den Tatbestand der groben Fahrlässigkeit erfüllte.

Das Klassentreffen mit Huub hat mein Gemüt jedenfalls erst einmal beruhigt: Auf dem Rasen ist er taktisch noch nicht wieder der Alte. Und das macht mir Hoffnung.



An dieser Stelle mein Dank an Torsten für die Einladung zum Gastbeitrag. Auch wenn mich im Volkspark jeglichem Hüpfsingsang entsagen musste, um das Spiel nicht aus dem Augen zu verlieren. Argwöhnende Blicke der Umstehenden inklusive.



Foto: Mark Henckel

Handwerk gegen Uhrwerk

Letzte Woche Sonntag, nach dem denkwürdigen Spiel (war das Fußball?) zwischen Schalke 04 und Hertha BSC Berlin, erreichte mich eine SMS: „Du hast doch eine gewisse Affinität zur Green Machine. Willst Du nicht einen Vorbericht schreiben?“. Da sagt man natürlich nicht nein.
Gerade wo ich den Hausherrn erst vor drei Wochen aus dem Badenova-Stadion mit meiner überschäumenden Begeisterung über das Offensivspektakel der Werderaner genervt hatte. Während der alte und der junge Herr Wieland unpräzises geboten bekamen. Und während ich so schreibe, entwickelt sich fast eine Ode an die Elf von der Weser, ist es eine Lobeshymne auf den Verein geworden. Etwas untypisch für einen Schalke-Blog und -Fan, aber in meinen Augen völlig verdient.

Die Bremer sind offensivstark, es entsteht Ballzirkulation auf erhöhtem technischen Niveau, man hat spielintelligente Akteure auf nahezu jeder Position, man ist immer versucht das Spiel zu beherrschen und den Ball vom eigenen Tor wegzuhalten. Das ist keine Mannschaft, die bedingungslos über den Kampf kommen muss oder die Pille einfach wegholzt. Sondern Bremen versteht es, den Gegner auszuspielen. In der Bundesliga an den richtig guten Tagen sogar jeden Gegner.

Werder Bremen ist ein Verein, der es schafft, seine Mannschaft über all die Jahre auf hohem (Bundesliga-) Niveau umzubauen und zu entwickeln. Dabei gibt es zwar immer wieder Rückschläge (Carlos Alberto, Marco Reich, diverse Links- und Rechtsverteidiger wie Jelle van Damme oder Marko Tosic), aber im Kern bleibt ein auch glückliches, aber vor allem intelligentes Händchen bei Spielerverpflichtungen, die den Stil des SV Werder Bremen am Leben erhalten können. Man denkt an einen reaktionsstarken Torhüter wie Rost, an Spieleröffnungen von Ismael oder Krstajic, an die technisch guten Dampfmacher wie Ernst oder Frings, an großartige Spielmacher wie Micoud oder Diego, an erfolgreiche Torjäger wie Ailton oder Klasnic.
Dann schaut man sich die Elf von heute an und entdeckt den reaktionsstarken Torhüter Wiese, die spielenden Innenverteidiger Mertesacker und Naldo, man sieht Frings so langsam wieder in Form kommen, mit dem jungen Bargfrede an seiner Seite, man sieht den herausragenden Spielmacher Özil (mein Herz blutet) und schließlich den erfolgreichen Torjäger Pizarro. Das ist eine Achse, nach der erfolgreiche Mannschaften gebaut werden. Torwart, Innenverteidigung, zentrales Mittelfeld, Torjäger.

In einem Verein, der seit Jahren für Ruhe, Vernunft und Übersicht steht, der schon immer als sparsam gilt und der sich immer als sehr sympathisch darstellt. Durch Unaufgeregtheit, durch Sachlichkeit, durch Bescheidenheit und mit wenig Futter für den Boulevard. Mit einer beispiellosen Kontinuität bei den handelnden Personen. Das Duo Lemke / Rehhagel in den 80er und frühen 90er Jahren wurde nach einer kleinen Durststrecke ersetzt durch das Duo Allofs / Schaaf. Nicht ganz zufällig zwei ehemalige Spieler, die die erfolgreiche Zeit von Lemke und Rehhagel aktiv miterlebten. Und im Hintergrund mit Klaus-Dieter Fischer und Manfred Müller zwei Vorstandsmitglieder, die beide Ären miterlebten und prägten.

Und trotzdem fährt Schalke 04 nicht chancenlos über die A1 Richtung Norden. Denn die Schalker verfügen in dieser Spielzeit über Beisserqualitäten. Man erinnere sich beispielsweise an das Spiel Hoffenheim – Schalke, Anfang der Saison. Als Pliatsikas eine Halbzeit lang hinter Carlos Eduardo herstapfte, bis dieser überhaupt keine Lust mehr auf Fußball hatte. So wird es Mesut Özil ergehen. Oder Aaron Hunt. Oder Marko Marin. Diese quirligen, spielfreudigen Leute werden auf die Socken bekommen, werden Schwierigkeiten bekommen, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen. Weil immer ein Schalker Jungspund da sein wird und sie bekämpft. Wenn Schalke 04 in dieser Saison eines gelernt hat, dann zu wissen, wo die Qualität des eigenen Spiels liegt und danach zu handeln. Felix Magath wird seinen Spielern einimpfen: Geben wir Bremen Platz zum kombinieren, so wie es der SC Freiburg tat, dann gehen wir im Weserstadion unter. Und da sich Magath mit seinen ganzen jungen Emporkömmlingen ein Reich schafft, das ihm, dem Entdecker und Förderer, an den Lippen hängt, folgen sie ohne mit der Wimper zu zucken.


kurtspaeter schrieb früher im eigenen Blog über den FC Schalke 04. Seit er sein Blog zumachte gibt er hier in unregelmäßigen Abständen seine Meinungen und Gedanken zum Besten.


Foto: Michael Pries

Kein Handschlag oder kein Handschlag

Infokasten kurtspaeterEs gibt Spieler und Trainer, die sind interessant genug, um eine Geschichte zu stricken. Und es gibt Spieler und Trainer, die sind nicht interessant genug, um eine Geschichte zu stricken. Sowohl als Einzelpersonen als auch in ihrer Beziehung zueinander. Teilweise sind sie sogar Einzeln interessant, ihre Beziehung aber nicht spannend genug. So funktionieren eben die Medien.

Die Geschichte dazu: Am 5.März 2008 besiegte Schalke 04 Manuel Neuer im CL-Achtelfinale den FC Porto. Welcher Schalker erinnert sich nicht begeistert an diesen, für jeden Torhüter der Welt wohl einmaligen Abend. Die Schlagzeilen bestimmten die Tage danach aber zwei andere. Mirko Slomka und Kevin Kuranyi. Von Affront war die Rede, als charakterlos wurde Kuranyi bezeichnet. Tagelang kam der Blätterwald nicht zur Ruhe. Ein weiterer Tropfen auf den eh schon stark gehöhlten Stein in der Slomka-Demontage und eine weitere Möglichkeit, Kevin Kuranyi so dumm und unerzogen wie es geht dastehen zu lassen.

Am 3. April 2009 besiegt Schalke 04 am 26.Spieltag der Bundesliga Arminia Bielefeld. Die Krise ist vorerst gestoppt. Mit neuem Trainerteam, einem echten und damit unantastbaren Schalkerlegendentrupp. Einem Eurofighterduo und dem Torhüter, der vom Pannen-Olli zum Herzchenmeister wurde. Und denen pinkelt man mitnichten so schnell an die Karre. Von wegen Autoritätsverlust oder so. Außerdem geht es um den letzten verbliebenen Uru im Kader. Sanchez heißt der und in Deutschland kennt den außer auf Schalke wahrscheinlich keine Sau. Also kein Grund, dass gleiche „Vergehen“ auch nur annähernd so verurteilend, so aufrührerisch und so niederträchtig anzusehen wie ein Jahr zuvor. Und schon gar nicht so laut.
Die Welt bringt es auf den Punkt:

… im letzten Moment hat der kochende Schalker Sanchez bei seiner Auswechslung in Bielefeld nur den Handschlag verweigert, statt seinen drei Trainern eine zu kleben – was aber auch wieder irgendwie passte: An diesem Spieltag war nichts mehr normal, nicht einmal das Chaos auf Schalke.

Sanchez hat NUR NUR NUR NUR NUR den Handschlag verweigert. Der Flaschenwurf (ja,auch das hat er gemacht) wird gleich weggelassen.

Bevor jemand glaubt, dass ich jetzt fordern würde den Skandal herbeizuschreiben sei gesagt, mich interessiert es nicht die Bohne, ob Sanchez seine Eier krault, Büskens, Mulder, Reck, dem vierten Offiziellen oder dem Stadionsprecher die Hand gibt oder nicht. Mir persönlich hat die Geschichte nur wieder klargemacht, dass Geschichten zwar ausgelöst werden können, die Größe der Geschichte aber gesteuert wird.