Hannover 96 gewann gegen Schalke 04, spielt nun in München und danach in Leverkusen. Für sie geht es um den Klassenerhalt, und Hannovers weitere Ergebnisse könnten Schalkes Tabellenstand beeinflussen. Zur aktuellen Gefühlslage eines 96igers befragte ich Nils Warmboldt von der 96-Fanseite „Das Fanmagazin“.
Hallo Nils. Kaum sehe ich Mirko Slomka am Rand stehen, spielt Schalke wieder schlechten Fußball! Aber ich nehme an, Du wirst mit Deinen Roten zufrieden gewesen sein. Erzähl mal, wie fühlte es sich für Dich an?
Vor allem der Treffer zum 3:2 und dann natürlich auch das entscheidende 4:2 waren für mich mit Abstand die schönsten Augenblicke der Saison. Eine Saison, in der uns bislang die Scheiße förmlich am Fuß klebte. Diese Erleichterung ist kaum in Worte zu fassen. Um das nachvollziehen zu können, muss man sich die gesamte Lage und vor allem auch das bisherige Auftreten der Mannschaft in dieser Saison vor Augen halten. Denn bislang war es so, dass die Mannschaft meistens spätestens nach Gegentreffern auseinanderbrach. Und dafür war die Situation nach dem schnellen Ausgleich innerhalb von wenigen zu Beginn der zweiten Halbzeit eigentlich prädestiniert. Niemand hätte mehr einen Pfifferling auf 96 gesetzt und es hätte wohl auch niemanden auch nur ein bisschen gewundert, wenn das Spiel 2:4 oder noch höher gegen uns ausgegangen wäre. Es hätte gepasst. Wohl jeder 96er im Stadion empfand es als erstaunlich, dass 96 weiterhin viel vom Spiel hatte und dann auch sogar noch traf. Dazu auch noch durch so ein vergleichsweise spektakuläres Tor. Das war für den Moment mehr als nur Erleichterung. Ich war richtiggehend euphorisch, obwohl dafür eigentlich den reinen Fakten nach kein Anlass besteht. Denn so unwahrscheinlich ein Sieg auch war, so war er doch fast schon Pflicht, um noch realistische Chancen auf den direkten Klassenerhalt zu haben.
Da Nürnberg, Bochum, Freiburg und Berlin allesamt verloren haben, sieht die Tabelle für Euch gleich viel freundlicher aus. Aber ihr spielt nun in München und gleich danach in Leverkusen. Glaubst Du an Punkte oder muss Freiburg zweimal verlieren?
Der Spieltag ist in der Tat ganz hervorragend für Hannover 96 gelaufen; besser ging es nicht. Mein Verstand sagt, dass sowohl in München als auch in Leverkusen nichts drin sein wird. Doch das dachte ich auch vor dem Schalke-Spiel. Der große Vorteil für 96 ist, dass sie – trotz der prekären Lage – ohne großen Druck aufspielen können, denn niemand rechnet mit Punkten. Vor allem die Bayern aber stehen ihrerseits unter erheblichem Druck, da ihr ihnen glücklicherweise im Nacken hängt. Zudem hoffe ich darauf, dass unser Sieg gegen euch eine neue Euphorie freigesetzt hat, die für die letzten Spieltage ungeahnte Kräfte mobilisiert. Wenn man sich einmal ansieht, wie auch auf der Ersatzbank von Reservisten auf dem Abstellgleis über die Treffer gejubelt wurde, dann sieht man, dass derzeit alle am gleichen Strang ziehen. Bisher konnte manchmal der Eindruck enstetehen, dass dies in dieser Saison nicht immer so war. Wirklich glauben tue ich an einen Erfolg aber ehrlich gesagt trotzdem nicht. Daher ist 96 vermutlich schon auf Freiburger Niederlagen angewiesen. Übrigens dürfen zudem sowohl Nürnberg als auch Bochum gerne verlieren, denn die Chancen, einen von beiden noch zu überholen bestehen durchaus. Zumal es am allerletzten Spieltag möglicherweise zu einem echten Endspiel kommen kann. Dann nämlich spielt 96 in Bochum.
Hältst Du Mirko Slomka eigentlich für den richtigen Mann? Wie sollte sich der Club Deiner Meinung nach zukünftig ausrichten? Denkst Du, dass die Mannschaft gerade unter Wert da unten steht oder braucht es eine Umkehr, und wenn ja wohin?
Die Mannschaft steht auf jeden Fall unter Wert da unten. Das hat mir das Spiel gegen euch klar gemacht. Vorher war ich da wirklich skeptisch. Über Mirko Slomka kann ich kein wirkliches Urteil fällen. Nach meinem persönlichem Empfinden – das eher ein diffuses, intuitives Gefühl als eine fundierte Meinung ist – ist er weder ein über- noch ein unterdurchschnittlicher Bundesliga-Trainer – er passt also bestens zur Mannschaft. Das einzige, was mich etwas stört, ist, dass ich manchmal den Eindruck habe, dass er kein Feuer entfachen kann. Ich kann es mir zumindest nur schwer vorstellen, wie er eine leidenschaftliche, aufrüttelnde und motivierende Ansprache hält, was nach meinem Empfinden bei Trainern wie zum Beispiel Ewald Lienen oder auch Felix Magath eher der Fall ist. Die Verantwortung für die schlechten Ergebnisse der letzten Wochen und Monate würde ich Slomka aber jedenfalls nicht geben. Die Ursache sehe ich da in erster Linie im Bereich der Psyche, woran sicherlich der Suizid von Robert Enke auch einen Anteil hat. Aber nicht nur. Möglicherweise war er der Auslöser. Irgendwie ist die Mannschaft jedenfalls in eine ganz merkwürdige psychische Abwärtsspirale geraten, die meist spätestens nach einem Gegentreffer alle Dämme brechen ließ. Die Spieler haben selbst nicht daran geglaubt, dass sie gewinnen können und das haben sie auch ausgestrahlt. Das ganze wurde dann zu einer Art selbtserfüllenden Prophezeihung. Folgerichtig hat 96 dann ja auch einen Sportpsychologen verpflichtet.
Was anderes: Wie steht man eigentlich als 96er Fußballfan zu Martin Kinds fußballpolitischem Programm?
Ich habe vor eineinhalb Jahren mal eine Umfrage zum Thema 50+1 gestartet und bin davon ausgegangen, dass es ein klares Votum für den Erhalt von 50+1 geben würde. Das Ergebnis war dann aber ein völlig unerwartetes: die Umfrage fiel knapp für die Abschaffung von 50+1 aus. In Diskussionen erscheint es aber so, als ob eine deutlichere Mehrheit gegen die Planungen von Martin Kind bestehen würde. Was im übrigen auch meiner persönlichen Meinung entspricht. Denn letztendlich würde eine Abschaffung der Regel nicht dazu führen, dass die kleinen Mannschaften davon profitieren, sondern in erster Linie eher die großen oder aber im Extremfall alle Mannschaften. Denn nicht nur Hannover 96 hätte die Möglichkeiten, Investoren ins Boot zu holen, sondern natürlich alle anderen Clubs auch. Im Endeffekt würde das entweder zu einem Fahrstuhleffekt führen, der alle finanziell oben bringt oder aber es würden sich in erster Linie für die größeren Clubs Investoren finden, während die Kleinen auf der Strecke bleiben. Aber eigentlich bin ich in der Materie zu wenig drin, um wirklich ein fundiertes Urteil dazu abgeben zu können. Die Kritik, die Martin Kind an der derzeitigen Praxis übt, ist ja sicherlich auch nicht von der Hand zu weisen, wenn er seine Argumentation darauf aufbaut, dass hinter Mannschaften wie Leverkusen und Wolfsburg große Unternehmen stehen, was durchaus wettbewerbsverzerrende Züge hat. Da ist schon was dran.
Vielen Dank für diesen Einblick in Deine Gefühlswelt. Nicht ganz selbstlos wünsche ich Deinem Team alles Gute in den nächsten zwei Spielen! Glück auf.
Nils ist Betreiber der Seite „Das Fanmagazin“, einer Fanpage mit Forum zu Hannover 96.

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