Kevin Kuranyi ist in Topform und übertrumpft die aktuellen Nationalmannschaftsstürmer um Längen. Jetzt fordern auch die großen Kritiker und Kommentatoren, dass Bundestrainer Löw umdenken und Kuranyi mit zur WM nehmen solle. Das Argument ist schlüssig: Die Besten sollten für Deutschland spielen. Dies ist jedoch ein nicht zum aktuellen Bundestrainer passender Ansatz. Unter Löw ging es bei Nominierungen noch nie nach Leistung.
Joachim Löw will eine Mannschaft, die harmoniert. Man könnte den alten Spruch hervorholen, nach welchem der Star die Mannschaft ist, um für Löws Kaderzusammenstellungen zu argumentieren. Wenn Joachim Löw einen Spieler und dessen Charakter schätzt, ist quasi alles erlaubt. Dann ist es egal, ob ein Spieler auf dem Platz seinen Mitspieler schlägt, wie Podolski. Dann macht es nichts, dass Stürmer in einer ganzen Saison keine drei Tore erzielen, wie Miroslav Klose. Dann brauchen Spieler in ihrem Club auch kaum zu spielen, wie Jens Lehmann oder Christoph Metzelder vor der letzten EM.
Spieler die Löw nicht schätzt können umgekehrt so erfolgreich spielen wie sie wollen, sie werden in der Nationalmannschaft kein Bein auf die Erde bekommen. Im „Fall Kuranyi“ konnte man den Eindruck haben, als wäre Löw der Vorfall im Oktober 2008 nur recht gewesen. Obwohl er seit Jahren in der Bundesliga zuverlässig das Tor trifft, war er in der Nationalmannschaft stets ein Wackelkandidat. Aber so ist es nicht nur mit Kuranyi, Stefan Kießling geht es kaum anders.
Stefan Kießling spielt eine überragende Saison, ist Sturmführer und Leistungsträger einer spielerisch starken Mannschaft, und trotzdem musste das wortstarke Fußballdeutschland diesen Spieler dem Bundestrainer förmlich aufdrängen, hatte man den Eindruck, als hätte Löw bei Kießlings Nominierung für ein Freundschaftsspiel gegen Chile über einen riesigen Schatten springen müssen. Kuranyi und Kießling haben in der Bundesliga in dieser Saison 33 Tore geschossen und 12 Treffer vorbereitet, mehr als Podolski, Klose, Gomez, Cacau, Schweinsteiger und Ballack zusammen. Trotzdem: Selbst wenn die Medien Kuranyi noch nach Afrika schrieben und Löw nichts mehr einfiele, Kießling daheim zu lassen; beide würden bei der WM unter Löw nicht mehr als das 5. Rad am Wagen, als Einwechselspieler für die 80. Minute sein.
Das Konzept „Harmonische Mannschaft“ kann über das Konzept „Die elf Besten“ siegen, das beweist jede Bundesligasaison in welcher der stets beste Kader des FC Bayern München nicht Deutscher Meister wird. Wenn sich allerdings eine ganze Reihe Nationalspieler seit Monaten in schlechter Form präsentieren, muss man schon mal zweifeln dürfen. Das Ärgerlichste an Bundestrainer Joachim Löw ist aber vor allem dessen Kommunikation: Dass er keinen Klartext redet wenn er einen Spieler nicht will. Dass er von Leistungsprinzip und Konkurrenzkampf spricht. Das Löw’sche „Leistungsprinzip“ bestimmt die Zusammensetzung der Nationalmannschaft wie einst die Demokratie die Volkskammer der DDR.