Artikel zum Schlagwort ‘Vereinspolitik’

Schalkes Mitgliederversammlung 2016

In letzter Zeit ging es hoch her auf und um Schalke. Seit Wochen tobte der Wahlkampf. Gemessen daran erlebte der Club am gestrigen Sonntag eine geradezu ruhige Mitgliederversammlung. Clemens Tönnies bekam für sein Tun Unterstützung, seine Gegner wurden abgewatscht.
 
 
Die Wahl zum Aufsichtsrat

Der Wahl standen die Reden der Kandidaten vor. Drei redeten so, wie man es im Video zur Vorstellungsrunde in Bielefeld sehen konnte. Clemens Tönnies gab den kumpeligen Macher, der sich für relativ erfolgreiche letzte Jahre verantwortlich zeichnet. Peter Lange gab sich ruhig und ausgleichend, sagte er stünde für Kontinuität. Michael Stallmann war sympathisch, konnte aber irgendwie nicht wirklich erklären, warum man ausgerechnet ihn wählen sollte. Bemerkenswert war nur Andreas Goßmanns Rede.

Statt für sich zu werben begann Andreas Goßmann mit der Klage, in den bisherigen Vorstellungsrunden hätte es immer gleiche Leute gegeben, die ihm angebliche Verfehlungen aus der Vergangenheit vorgeworfen hätten. Er verteidigte sich, bevor er sich überhaupt vorstellte. Er redete von dem was war, statt von dem was sein soll. Als er endlich zum Heute kam, präsentierte er sich als klarer Kritiker Clemens Tönnies. Als solcher aber hatte er an diesem Sonntag keine Chance.

Die deutliche Mehrheit der Mitgliederversammlung wollte Ruhe im Club wählen. Deshalb erhielt Peter Lange, der sich als besonnen darstellte, die meisten Stimmen. Clemens Tönnies erhielt mehr als doppelt so viele Stimmen wie der drittplatzierte Michael Stallmann. Andreas Goßmann wurde abgeschlagen Letzter.
 
 
Die Satzungsänderungsanträge

… fanden quasi nicht statt. Nach der Wahl zum Aufsichtsrat war jegliche Anspannung mit einem Mal verflogen. Versammlungsleiter Dr. Buchta ratterte die Anträge runter und die Mitglieder hoben die Stimmkarten schon hoch, bevor er überhaupt ausgesprochen hatte. Alle Anträge wurden wie „vom Aufsichtsrat empfohlen“ abgestimmt.

Im Vorfeld der Mitgliederversammlung warb SchalkeVereint dafür, mit einer Zweidrittelmehrheit einen Antrag zu befürworten, mit dem einige vom Aufsichtsrat vorab nicht zur Abstimmung zugelassenen Satzungsänderungsanträge nachträglich doch noch zur Abstimmung zugelassen worden wären. Dieser Antrag wurde letztlich allerdings doch nicht gestellt, diese Abstimmung war kein Thema mehr.
 
 
Christian Heidels Rede

Alle drei Vorstände hatten ihre Reden. Peter Peters redete routiniert, er macht den Job auch eben schon einige Jahre. Alexander Jobsts Rede war bemerkenswert emotional. Er bemerkte, dass das Bild, dass Schalke zuletzt abgegeben habe, durchaus direkt dazu geführt hätte, dass der Club weniger Einnahmen als möglich aus dem Merchandising generieren konnte. Gewartet haben die Mitglieder aber vor allem auf die Worte des neuen Vorstands für Sport und Kommunikation, Christian Heidel.

Seine Rede war vollumfänglich und klar strukturiert. Er betonte, dass man seiner Ansicht nach nur von Erfolg sprechen könne, wenn sowohl im sportlichen, als auch im wirtschaftlichen Bereich die Ergebnisse stimmen würden. Er sagte dies mit dem Hinweis darauf, dass Schalke soeben mit der perfekten Verpflichtung Breel Embolos den teuersten Transfer der Clubgeschichte abgeschlossen habe (s. u.). Dieser Transfer würde aber weder die wirtschaftliche Stabilität beeinträchtigen, noch würden dafür andere Spieler zwingend verkauft werden müssen.

Bezüglich seiner Ansprüche an einen Trainer und der zugehörigen Ausdrücke von Wertschätzung für Markus Weinzierl wiederholte er das, was er auch schon bei dessen Vorstellung sagte. Konkreter wurde er beim Thema „Arbeitsplätze“, das er als eine wichtige Säule für den Erfolg eines Clubs sieht. Trainern und Mitarbeitern müssten die bestmöglichen Räumlichkeiten und Arbeitsmaterialien zur Verfügung stehen. Dies sei auf Schalke nicht gegeben. Dort hinke man nicht nur anderen großen Clubs hinterher, dies sei auch bei vielen deutlich kleineren Clubs besser. Christian Heidel kündigte aber an, dass dies innerhalb des nächsten halben Jahres korrigiert werden würde. Man hätte bereits erste Wände versetzt oder gar eingerissen.

Als letzten wichtigen Punkt führte Christian Heidel an, dass Schalke unbedingt ein neues Wir-Gefühl entwickeln müsse. Er erklärte, dass „typisch Schalke“ als Ausdruck verwendet werden würde, wenn Schalke kurz vor dem Ziel strauchelt, wenn man ein wichtiges Spiel verliert. Ziel aber müsse sein, dass „typisch Schalke“ den Stolz auf den Club und den Zusammenhalt meint. Schalke müsse der Club dieser Region sein, der Club, mit dem sich die Leute hier identifizieren. Vom Jugendspieler über den Security-Mann und den Busfahrer bis zum Profispieler müssten alle eine Einheit bilden. Dafür würde er sich einsetzen und dafür bat er um Unterstützung.
 
 
Die Rechtfertigung Dr. Horns und Clemens Tönnies‘ Reaktion

Unter dem Punkt „Aussprache“ dürfen Mitglieder mit eigenen Wortbeiträgen ans Rednerpult. Gleich der erste pöbelte gegen den Aufsichtsrat Dr. Andreas Horn, der zu den „Tönnies-Gegnern“ im Aufsichtsrat gezählt wird und dessen Telefonat mit Tönnies in den letzten Tagen die Zeitungen beschäftige. Den Redner habe er „tief enttäuscht“, und wenn er „einen Arsch in der Hose hätte“ würde er „nach Heidelberg verschwinden“.

Daraufhin forderte Dr. Buchta als Versammlungsleiter Dr. Horn geradezu eindringlich auf, dazu doch Stellung zu nehmen. In seiner selbstverständlich vorbereiteten Rede wies Dr. Horn darauf hin, dass nicht alles, was ihn Foren oder Zeitungen geschrieben würde, auch richtig sei. Es sei „absoluter Schwachsinn“, dass er Clemens Tönnies hätte erpressen wollen. Dass er „den Kopf“ von Aufsichtsrat Dr. Langhorst gefordert hätte, sei ebenfalls nicht wahr. Auch widersprach er dem Vorwurf der Blockadepolitik. Es hätte bislang lediglich eine Abstimmung gegeben, die 7:3 ausgegangen wäre und in der die drei als Opposition geltenden Aufsichtsräte gemeinsam gegen alle anderen gestimmt hätten. Dabei sei es um einen von diesen drei selbst gestellten Antrag gegangen.
Dr. Horn sagte, man würde selbstverständlich die Entscheidung der Mitgliederversammlung akzeptieren und man müsse „ab heute Abend wieder miteinander sprechen“. Er sei bereit dazu und wolle Clemens Tönnies die Hand reichen.

Als Dr. Horn das Pult verließ stand Clemens Tönnies auf und ging auf das Pult zu. Zunächst dachte man, sie wollten einander wirklich die Hand reichen, doch Tönnies wich Horn aus. Wieder am Rednerpult sagte Tönnies, dass es so doch wohl nicht ginge. Der Ehrenrat würde ermitteln, dieser würde eine Entscheidung treffen.
 
 
Eine Stiftung für Schalke

Nach seiner Wiederwahl und vor den Aussprachen und dem Wortbeitrag Dr. Horns oblag es Clemens Tönnies, den Bericht des Aufsichtsrates vorzustellen. Dabei erzählte er, dass er eine Mythos-Tour durch den Stadtteil Schalke gemacht hätte und begeistert worden wäre. Er sei in Gründung einer Stiftung, in die er einen hohen Geldbetrag einzahlen werde. Diese Stiftung würde der Schalker Meile und der Glückauf Kampfbahn zugutekommen. Neben der Glückauf Kampfbahn soll ein Schalker Museum entstehen.
 
 
Sascha Riether und Breel Embolo

Nur der Form halber soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass auch die Verpflichtung Breel Embolos (bis 2021), sowie die Vertragsverlängerung mit Sascha Riether (bis 2017) bekanntgegeben wurden. Beides wurde so erwartet.

Sascha Riether lieferte in der vergangenen Saison verlässlich solide Leistungen. Als jemand, der sich nicht in den Vordergrund drängt und über viel Erfahrung verfügt, ist er ein Spieler wie ihn jeder Kader gut gebrauchen kann.

Bezüglich Breel Embolo weiß ich mehr über die Lobeshymnen zu seinem Spiel, als über sein Spiel selbst. Für einen 19-Jährigen den Clubrekord für eine Ablösesumme zu brechen scheint zunächst wahnsinnig. Allerdings sind die heutigen Ablösesummen nicht mehr mit denen vergangener Jahre zu vergleichen. Sollte Breel Embolos Entwicklung halbwegs wie von Fachleuten prognostiziert verlaufen, wird Schalke ihn eines Tages für eine höhere Summe weiterverkaufen und bis dahin hoffentlich viel Spaß an ihm gehabt haben.
 
 
Mein Fazit

Vorab wurde zu einem gemeinsamen „Public Viewing“ des EM-Spiels der Nationalmannschaft aufgerufen, das um 18 Uhr begann. Mehrmals wurde von Offiziellen des Clubs darauf hingewiesen, dass irgendwas doch flotter gehen könne, schließlich wolle man ja noch das Länderspiel schauen. Ich empfand das als unseres Clubs unwürdig.

Ich selbst habe weder Clemens Tönnies, noch Andreas Goßmann gewählt. Meines Erachtens trägt Clemens Tönnies‘ Umgang mit den Medien und sein Umgang mit Kritikern erheblich dazu bei, dass es seit Jahren tiefe Gräben zwischen den Mitgliedern auf Schalke gibt. Andererseits fühle ich mich von den tönnieskritischen Aufsichtsräten, die ich selbst in den vergangenen Jahren gewählt habe, sehr schlecht vertreten. Ich finde es gut und richtig, kritische Leute im Aufsichtsrat zu haben. Ich will aber auf keinen Fall, dass Politik betrieben wird, die an Abstimmungen der Mitgliederversammlung vorbei über Posten im Verein entscheidet. Aus dieser Stimmung heraus war mir Andreas Goßmann zu sehr gegen die Dinge und zu wenig für etwas.

Die Ergebnisse dieser Mitgliederversammlung werden möglicherweise zunächst Ruhe einkehren lassen. Dass der Streit im Club beigelegt werden kann glaube ich allerdings nicht. Clemens Tönnies ist Schlachter, kein Schlichter, und den Sprüchen von zuzuschüttenden Gräben folgte bereits in der Vergangenheit nichts Weiteres. Ich denke er wird den Rückenwind nutzen und alles daran setzen, seine Gegner loszuwerden. Dies wird dazu führen, dass sich ein erheblicher Teil der Mitgliedschaft weiterhin im Club schlecht vertreten fühlt, nicht „mitgenommen“, wie Clemens Tönnies gerne selbst formuliert. Heute werden viele dazu Hurra schreien, heute sind ihnen „die Anderen“ egal. Doch in ein oder zwei Jahren wundern sich dann die gleichen Leute, weshalb schon wieder um Wahlen gekämpft wird, weshalb es schon wieder an einer geeigneten Streitkultur fehlt.

Die letzten Gefechte

Übermorgen ist es soweit, um 13:04 wird die Mitgliederversammlung „angepfiffen“. Wir befinden uns nun in der letzten Phase des „Wahlkampfes“. In der Phase, in der Clemens Tönnies nochmal alle Register zieht und seine Position ausspielt.

Jetzt erscheinen nochmal in allen Zeitungen tönniesfreundliche Artikel. Diese sind Chefsache. Für die Funke Mediengruppe haut Pit Gottschalk selbst in die Tasten. Es würde nicht überraschen, gäbe es in Kürze auch noch einen Kommentar von Tönnies-Kumpel Alfred Draxler zur Schalker Politik zu lesen. Clemens Tönnies hat beste Kontakte zu den Chefredakteuren der wichtigen Zeitungen. Die Zeitungen sind nicht ganz uneigennützig interessiert daran, dass er gut gelitten bleibt. Tönnies‘ Firmen (Böklunder, Tillmans, Mühlen) liefern den Zeitungen wichtige Werbebudgets. Er selbst liefert zuverlässig Geschichten.

So ist das eben. Das als irgendwie unfair zu beklagen wäre arg naiv. Bezüglich des Zeitpunkts sicherlich sehr geplant, argumentativ aber unangreifbar, haben sich die Vorstände auch nochmal zu Wort gemeldet und sich für Clemens Tönnies ausgesprochen. Wenn ein Hauptargument von Tönnies-Gegnern lautet, dass dieser sich zu viel in die Belange des Vorstandes einmischt, sich aber der aktuelle und der vorherige Vorstand geschlossen für Clemens Tönnies ausspricht, ist Clemens Tönnies entweder „doch nicht so schlimm“ oder der Vorstand hat Angst vor den Alternativen.

Um sich ein Bild der Alternativen zu machen, dafür gab es eine ganze Veranstaltungsreihe in dieser Woche. Eine davon wurde zusätzlich aufgezeichnet und im Club-Kanal bei youtube eingestellt. Ich kann das Anschauen absolut empfehlen, ich fand diese ca. 100 Minuten aufschlussreich und nie langweilig.

Also:

  • Anschauen
  • Hingehen
  • Wählen
  • Die Ergebnisse akzeptieren

… und dann geht es ab spätestens kommenden Dienstag wieder um Fußball.

Glückauf.
 

Der neue Trainer, noch mehr Trainer & ein Brief

Gestern wurde Markus Weinzierl offiziell als neuer Trainer des FC Schalke 04 vorgestellt. Eine Pressekonferenz, die zeitlich irgendwie in der Luft hing. Zu lange nachdem klar wurde, dass er derjenige welcher werden würde. Zu früh, als dass er über seine zukünftige Mannschaft hätte sprechen können, weil sich diese noch verändern wird. Deshalb war es nicht vielmehr als ein erstes Hallo.

Markus Weinzierl war so, wie man ihn zuvor auch bei Pressekonferenzen des FC Augsburg erleben konnte: Bayerisch freundlich. Verbindlich, sachlich. Keiner, der (Eigen)Werbesätze spricht. Ein normaler Typ, einer, der eben ist wie er ist. Der vermutlich auch an einer Theke sitzend nicht anders ist.

Schalkes Medienmann Thomas Spiegel hatte den Trainer gleich geduzt. Der Trainer nannte Christian Heidel nur „den Manager“. Dass er die aktuellen Spieler schon gut finden würde, sagte er. Dass Leroy Sané bleiben solle. Dass er mit dem Manager darüber spräche, wie man die Mannschaft verbessern könne, dass er aber nicht auf Einzelheiten eingehen wolle. Alles nett. Alles wie zu erwarten. Eben irgendwie zu spät und zu früh zugleich.
 
 
Die Trainer: Zetlmeisl rein, Hübscher raus

Abseits des Gesprächs auf dem Podium im Presseraum wurde Markus Weinzierl dann doch noch konkret. Wie Andreas Ernst für die WAZ berichtet ist nun klar, wie das Schalker Trainerteam aussehen wird. Demnach wird der bisherige S04-Co-Trainer Sven Hübscher diesem Team nicht mehr angehören. Dafür kommt Markus Zetlmeisl dazu.

Markus Zetlmeisl ist Reha- und Konditionstrainer. Er wurde von Felix Magath auf Schalke geholt. Nachdem sich Ralf Rangnick ein Trainerteam ohne ihn zusammenstellte, arbeitete Zetlmeisl fortan für die Schalker Jugendabteilung. Sven Hübscher ist bereits seit 2000 auf Schalke. Zunächst trainierte er verschiedene Jugendmannschaften, war dann unter Norbert Elgert Co-Trainer der U19 und stieg unter Jens Keller in den Trainerstab der Profimannschaft auf.

Der bisherige Torwarttrainer Simon Hentzler und Athletiktrainer Ruwen Faller werden auch unter Markus Weinzierl bleiben. Hinzu kommen die Co-Trainer Wolfgang Beller und Tobias Zellner, sowie Athletiktrainer Thomas Barth. Diese drei kommen aus Augsburg, darüber schrieb ich bereits.
 
 
Der Brief der Aufsichtsräte

Und dann ist da noch die Meldung um einen Brief. Via einer dpa-Meldung wurde man gestern Mittag gewahr, dass es eine Vorabmeldung des Magazins „11 Freunde“ gibt die davon berichtet, dass die Schalker Aufsichtsräte Axel Hefer, Andreas Horn und Thomas Wiese ihren Vorsitzenden mittels eines vierseitigen Briefes „scharf angegriffen“ hätten. Dieser Brief sei von Ende April datiert und Clemens Tönnies würden darin Eingriffe ins operative Geschäft und eine fehlende Distanz zur Boulevardpresse vorgeworfen.

Clemens Tönnies und sechs weitere Aufsichtsräte hätten daraufhin mit einer „Missbilligungserklärung“ reagiert. Man missbillige das Verhalten der drei, würde feststellen, dass es so nicht weiterginge und behielt sich weitere Schritte vor.

Aufsichtsrat Thomas Wiese fiel bereits bei der Veranstaltung zur Vorstellung der Aufsichtsratskandidaten, in der Flora in Gelsenkirchen am vergangenen Samstag, durch offene Worte gegen Clemens Tönnies auf. Es scheint so, als sollten die Verfehlungen Clemens Tönnies nun, wenige Tage vor der Jahreshauptversammlung, möglichst laut jedermann bekannt gemacht werden.

Tatsächlich gibt es da einiges, und auch ich zähle mich zu den Kritikern Clemens Tönnies‘. Erst gestern hat es Oliver Müller in einem Text für Die Welt gut auf den Punkt gebracht, als er schrieb, dass auch der Erfolg des neuen Gespanns Heidel / Weinzierl letztlich daran hängt, ob Clemens Tönnies sein Versprechen zu seinem „Heraushalten“ hält oder nicht – und dass sich Tönnies eben bisher nie heraushielt, dass Schalke die ganzen Jahre de facto aus dem Aufsichtsrat regiert wurde.

Das ist offensichtlich schlecht, wie man an der bloßen Anzahl an Trainern und Managern in der Amtszeit Clemens Tönnies leicht ablesen kann. Dennoch habe ich den Eindruck, dass spätestens die gestrige Meldung um den „Brief der Drei“ dafür gesorgt hat, dass sich das Gros der bislang unschlüssigen oder gar uninteressierten Mitglieder von der Form der „Opposition“ angewidert abgewendet hat, und nun erst recht den Schulterschluss mit Clemens Tönnies sucht.

Die Aktionen der Aufsichtsräte Axel Hefer, Andreas Horn und Thomas Wiese wirken wie Putschversuche gegen den Vorsitzenden Clemens Tönnies, der mehrfach von der Mitgliederversammlung gewählt wurde und somit legitim im Amt ist. Das Handeln wirkt falsch und unlauter, und macht damit den „moralischen Vorsprung“ zunichte, den man auf Grund der Vorwürfe gegenüber Clemens Tönnies haben wollte. Wenn allerdings alle gleich mies agieren wählt man lieber den, den man kennt, und der trotz allem Ärger für sich in Anspruch nehmen kann, dass es dem Club wirtschaftlich wie sportlich in den letzten Jahren seiner Amtszeit so schlecht nicht ergangen ist.

Schalke sucht zwei Aufsichtsräte

Am kommenden Sonntag findet die Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04 statt. Für die Mitglieder gilt es dabei, zwei Aufsichtsräte zu wählen. Dazu wurden vom Wahlausschuss vor einer Woche vier Kandidaten zugelassen. Allen Verschwörungstheorien zum Trotz sind zwei der vier Kandidaten die bisherigen Amtsinhaber Clemens Tönnies und Peter Lange. Außerdem stellen sich Andreas Goßmann und Michael Stallmann zur Wahl. Da die Vorstellung der Kandidaten bei der Jahreshauptversammlung selbst nur kurz ist und keine Frage gestellt werden können, ist dem interessierten Mitglied dringend zu empfehlen, sich vorab ein Bild zu machen.

Zunächst gab es auf der Webseite des Vereins eine kurze, schriftliche Vorstellung.
Deutlich ausführlicher waren die Antworten auf den Fragebogen des Supportsclub, der jedes Jahr den Aufsichtsratskandidaten zugeschickt wird. Diese wurden auf der Webseite schalkermarkt.de veröffentlicht und sind hier nachzulesen:

Besser als einen Text zu lesen ist es aber sicherlich, sich die Kandidaten anzuschauen. Sie reden zu hören, ihnen Fragen zu stellen, ihre Reaktionen zu erleben. Hierzu bieten sich in dieser Woche noch vier gute Gelegenheiten. Zeitlich über die Woche und räumlich über NRW verteilt veranstaltet der Club vier Vorstellungsrunden:

Veranstaltungsbeginn ist jeweils um 19:04 Uhr. Mitglieder können sich, unter Angabe des Orts, an dem sie teilnehmen möchten, unter der E-Mail-Adresse mitgeredet@schalke04.de anmelden. Ich selbst werde übrigens an der Veranstaltung in Düsseldorf teilnehmen.

Eine solche Veranstaltung wird in Gelsenkirchen seit Jahren von den Fanorganisationen organisiert. Diese fand bereits am Samstag statt. Einen ausführlichen und meines Erachtens sehr lesenswerten Bericht hat Susanne Hein-Reipen für Westline verfasst.

Die Kandidaten zur Wahl zum Aufsichtsrat

… wurden bislang – also bis Montag, 0:04 Uhr, da ich das gerade hier schreibe – noch nicht bekanntgegeben.

In der vergangenen Woche fanden die Interviews des Wahlausschusses mit den Kandidaten statt. Danach sollte das Prozedere folgen, welches der Wahlausschuss in seiner veröffentlichten Geschäftsordnung niedergeschrieben hat. Zunächst durfte man hoffen, dass die zugelassenen Kandidaten Donnerstagabend oder Freitagfrüh veröffentlicht würden. Dann hieß es, dass es vor Sonntag keine Entscheidung geben würde. Am gestrigen Sonntag um 18:35 Uhr gab Wahlausschuss-Mitglied Stefan Barta bei Facebook bekannt, dass er von seinem Amt zurücktritt.

Das sind die bis hierhin bekannten Fakten. Alles Weitere sind Spekulationen.
 
 
Update, 09:45 Uhr

Auf der Webseite des Clubs wurde soeben veröffentlicht, dass der Wahlausschuss vier Kandidaten für die zwei zu besetzenden Plätze im Aufsichtsrat benannt hat. Zwei davon sind die bisherigen Amtsinhaber Clemens Tönnies und Peter Lange. Die beiden anderen sind Andreas Goßmann (55 Jahre, Sparkassendirektor a.D., Düsseldorf) und Michael Stallmann (57 Jahre, Geschäftsführer, Marl).

Trotz aller Diskussionen hatte ich erwartet, dass Clemens Tönnies zur Wahl zugelassen werden würde. Ich finde das richtig so. Nicht weil ich für Clemens Tönnies bin, sondern weil es meines Erachtens der Mitgliederversammlung obliegen muss, ihn eventuell abzuwählen. Diese Begründung gilt so auch für Peter Langes erneute Nominierung.

Häufig gestellte Frage. Klare Antwort.

Ich denke, dass sich viele Schalker gerne von einem starken Mann führen lassen. Schalke ist ein Traditionsverein. Jahrzehnte war es immer so, dass es einen „Boss“ hatte.

Man könnte die Ursprünge dessen gar in der Gründerzeit des Ruhrgebiets suchen. Bei Friedrich Grillo zum Beispiel, dem Gründer der Zeche Consolidation, zu dem seine Arbeiter aufschauten, von dem seine Arbeiter abhängig waren, der die Lebenswirklichkeit schuf, aus der später der Fußballclub Schalke 1904 hervorgegangen ist.

Ein Verein ist Leben im Kleinen. Auch hier wird gezetert und gesungen, geliebt und gehasst, gesoffen und debattiert. Auch hier wollte man „oben“ einen haben, der regelte was es zu regeln gab, der das schon machte, was getan werden musste. Hier war man weniger abhängig. Hier konnte man den einen auch vom Hof jagen, wenn die Lage zu schief war. Dann sah man zu dass es einen anderen gab, einen entschlosseneren, einen besseren, einen der mehr in die Waagschale – und die Kassen – zu werfen vermochte.

Pro forma ist Schalke 04 noch ein Verein, aber tatsächlich ist Schalke 04 heute ein Unternehmen mit einem Umsatz von 264,5 Millionen Euro. Das niederländische Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG beziffert den durchschnittlichen Unternehmenswert des Clubs auf 624 Millionen Euro. Grundlage dafür war, dass sich Schalke im Aufbau des Vereins über eine neue Satzung Strukturen in Anlehnung an große Wirtschaftsunternehmen gab. Eine Satzung, die das Handeln einem Vorstand zuschrieb, die diesen Vorstand von einem Aufsichtsrat kontrollieren ließ. Damit nicht alles an einem hängt, damit die Verantwortungen geteilt wurden. Ein schlaues System, eine gute Satzung.

Und doch verhält sich Clemens Tönnies, der Vorsitzende des nur zur Kontrolle eingesetzten Aufsichtsrats, gerne wie ein Boss früherer Tage. Und weil Schalker viele sind, und weil viele diesen Club so leben wie sie ihn Jahrzehnte lebten, fühlen sich viele Schalker wohl damit. Sie vertrauen darauf, dass er regelt was es zu regeln gilt, dass er schon machen wird, was getan werden muss. Diejenigen halten die Diskussionen um Clemens Tönnies für absurd. Für sie liegt die oben dargestellte Frage auf der Hand, und sie wird vielfach formuliert, dieser Tage: „Wer sonst als Clemens Tönnies soll unseren Verein führen?“

Es sind diejenigen, die an die Richtigkeit der Satzung und an die Notwendigkeit einer Aufteilung der Macht im Club glauben, die darauf mit „Der Vorstand“ antworten. Diejenigen, die nicht formulieren sich „zu sorgen“, denen nicht „Angst und Bange“ wird, wenn sie daran denken, dass dem Club mal kein Boss alter Schule mehr vorsteht.

Da treffen verschiedene Lebensbilder aufeinander. Deshalb ist die Debatte so hitzig. Und deshalb wird sie wohl hitzig bleiben, über die Jahreshauptversammlung hinaus, egal welche Entscheidungen fallen werden.

Man versteht einander einfach nicht.

Rehbergs „Offener Brief“: Ein unerhörter Vorgang

Der Wahlausschuss ist ein Gremium und damit Teil des Vereins, in der Satzung verankert, von den Mitgliedern ordentlich gewählt. Dieser entscheidet nach pflichtgemäßem Ermessen über die Zulassung der Kandidaten zur Wahl des Aufsichtsrats. Diese Entscheidung steht nun an.

Am 01.06. hat der Wahlausschuss einen Apell veröffentlicht. Seit Wochen würde versucht, auf die Entscheidung Einfluss zu nehmen, Druck auszuüben. Mitglieder des Wahlausschusses seien persönlich bedroht worden. Diese Vorgänge würden nicht nur dem Ansehen des FC Schalke 04 schaden, sondern allen beteiligten Personen.

Anstatt dass sich der Club schützend vor das eigene Gremium stellt, erhöht Gerd Rehberg per „Offenem Brief“ den Druck weiter. Ganz offiziell, kraft seines Amtes als Ehrenpräsident, auf der Webseite des Clubs. Er stellt Vorgänge im Aufsichtsrat dar, die der Geheimhaltung unterliegen. Er fordert vom Wahlausschuss die Entscheidung die ihm gefällt. Er gießt Öl ins Feuer der eh schon hoch lodernden Diskussionen. Ein unerhörter Vorgang.

„Diese Vorgänge schaden nicht nur dem Ansehen des FC Schalke 04, sondern allen beteiligten Personen“ schrieb der Wahlausschuss in seinem Apell. Der Wahlausschuss tagt in dieser Woche. Noch ist keine Entscheidung gefallen die diskutiert werden müsste. Noch hat der Wahlausschuss nichts getan, was dem Ansehen des Clubs schadet. Gerd Rehberg mit diesem Brief und der Verein als solcher, im Umgang mit dem eigenen Gremium Wahlausschuss, leider schon.