Artikel zum Schlagwort ‘WM 2014’

Wörtlich: Louis van Gaal

Mich interessiert nicht, was Chiles Trainer sagt. Du musst entsprechend deiner Stärken spielen. Es geht nur ums gewinnen. Ich wähle ein System, das mir hilft, zu gewinnen.

„Gewohnt gebieterisch, gleichzeitig aber ungewohnt pragmatisch“ empfand kicker die Erwiderung des niederländischen Bondscoach’ auf die Aussage von Chiles Trainer Jorge Sampaoli, Chile hätte Fußball spielen wollen, Oranje nicht.

Tom Bartels und der Wildenstamm

Deutschland gegen Ghana war ein mitreißendes Fußballspiel, das beide Mannschaften hätten gewinnen können, welches letztendlich gerecht 2:2 endete. Das Spiel zwang selbst ARD-Kommentator Tom Bartels am Ende zu dieser Erkenntnis. Was dieser bis dahin den wehrlosen TV-Zuschauern in die Ohren kommentierte, war allerdings an Anbiederung der deutschen Nationalmannschaft- und an Arroganz der ghanaischen Nationalmannschaft gegenüber nicht zu überbieten.

Deutschland hatte die feineren Füße, man kreierte Torchancen durch tolle Pässe, zeigte aber gerade im defensiven Mittelfeld schwächen. Ghana war körperlich überlegen und wusste das auszunutzen. Über weite Strecken funktionierte die ghanaische 5er-Abwehrkette, eben bis die feinen Füße wirkten. Zu keiner Zeit war eine Mannschaft deutlich überlegen, es war ein Spiel auf Augenhöhe.

Tom Bartels brauchte eine geschlagenen halbe Stunde, bis er überhaupt darauf kam, dass Ghana eine konkurrenzfähige Mannschaft zu dieser WM geschickt haben könnte. Zuvor sprach er, als hätte der deutschen Mannschaft eine Gruppe Eingeborener gegenüber gestanden, erstmals überhaupt mit richtigen Fußballschuhen auf einem Rasen. Wie wild und zu klein der Torwart doch sei, wusste er zu berichten. Wie sehr in Ghanas Abwehr „die nackte Angst“ regieren würde, wenn „ein deutscher Spieler angestürmt“ käme.

Noch schlimmer war seine überzogene Darstellung der deutschen Mannschaft. Schon vor dem Anpfiff sprach er von der „übermächtigen deutschen Mannschaft“. Als das Spiel lief war jeder halbwegs öffnende Pass „phantastisch“ oder „überragend“, wobei er diese Wörter jeweils herausschrie, stimmlich Höhepunkte erzeugen wollte. Wenn ein ghanaischer Stürmer eine Chance vergab, dann weil er „die Ruhe verlor“, als „der Welttorhüter ankam“. Und wenn Deutschland es nicht schaffte, Druck zu erzeugen, dann kam es ihm vor als „würde sich die Mannschaft die Kraft bewusst einteilen“ und freiwillig „nicht zu sehr auf das Tor gehen“.

Sachlich betrachtet wurde da nichts. Die TV-Berichterstattung von ARD und ZDF ist längst zu einer DFB-Reklameshow geworden. Die neben Lukas Podolski ihre Füße badende Katrin Müller-Hohenstein und Gerhard Delling, der in Interviews „dem Oliver“ (Bierhoff) lächelnd Stichwörter zu dessen ewig gleichen Sätzen präsentiert, sind unerträglich. Tom Bartels übertrug die Präsentation dieser DFB-Show auf das Spiel. Er wirkte voll integriert, als gehöre er zum Stab Jogi Löws, dem es nicht schicklich ist, deutsche Spieler zu kritisieren. Seine Besingen von Nichtigkeiten, sein Relativieren von Fehlern und seine Arroganz dem Gegner der deutschen Mannschaft gegenüber – und damit seinem Gegner – empfand ich als unerträglich und zum fremdschämen.

Weltmeister Spanien scheitert in der Vorrunde

6 Minuten Nachspielzeit. 0:2 Rückstand. Das Ausscheiden steht bevor. Nur noch 6 Minuten. 6 Minuten es zu drehen. Jetzt braucht es Tempo! Alles nach vorne, irgendwie rein. Zweimal.

Aber der Weltmeister kann das nicht. Den Ball ohne einen ausgemachten Adressaten nach vorne zu dreschen: Das ist jedem einzelnen Spieler zuwider. Fehlerfreier Ballbesitz ist das Prinzip dieser Mannschaft, das Prinzip der großen Erfolge der letzten Jahre. Und weil weit vorne alle Mitspieler gedeckt sind, und weil der Gegner Druck aufbaut, ziehen sie weiter die Stollen über den Ball und spielen dem nächsten Kollegen an; auch wenn sie sich dabei Meter um Meter zurückdrängen lassen, auch wenn dabei die letzten Sekunden verstreichen.

Sowohl der niederländische Bondscoach Louis van Gaal, als auch sein chilenischer Kollege Jorge Sampaoli hatten eine Idee, wie sie Spaniens Offensive stoppen wollten. Trotzdem hatte Spanien in beiden Duellen die individuell besseren Spieler, die taktisch besser ausgebildete- und die erfahrenere Mannschaft auf dem Platz. Spanien verlor beide Spiele, weil man körperlich unterlegen war, weil Iker Casillas kein Weltklasse-Torhüter mehr ist und weil man es nicht schaffte, sich vom eingebrannten Spielstil abzuwenden, als ein anderer notwendig wurde.

Jemandem wie mir, dem andauerndes Ballgeschiebe als System ein Greul ist, macht der Misserfolg Spaniens durchaus Freude.

Perfekter Auftakt für die deutsche Elf

Endlich hat nun auch für die deutsche Mannschaft das Turnier begonnen. Nachdem ich die „Nullberichterstattung“ zur Nationalmannschaft wirklich kaum noch ertragen konnte, wirkte der Anpfiff befreiend. Deutschland überzeugte, gewann 4:0 und zeigte sich damit in beachtlicher Manier auf der großen Bühne. Löws Mannschaft profitierte in Schlüsselszenen allerdings auch ohne viel Zutun von einem perfekten Verlauf, was die Aufgabe durchaus vereinfachte.

Die frühe Führung durch den Strafstoß in der 12. Minute brachte Deutschland Sicherheit und zog Portugal den Zahn. Die Hinausstellung Pepes, beim Stand von 2:0 für Deutschland, entschied das Spiel endgültig.

Zwar bin ich der Ansicht, dass es falsch war, Pepe eine Tätlichkeit zu unterstellen und ihn mit Rot vom Platz zu schicken. Eigentlich waren sowohl die Hand im Gesicht Müllers beim Zweikampf, als auch das Drücken mit der Stirn beim Disput danach, eher Unsportlichkeiten, die jeweils mit Gelb hätten bestraft werden müssen. Aber auch in diesem Fall hätte Pepe mit Gelb und Gelb-Rot vom Platz gemusst. Am Strafstoß gab es meines Erachtens auch keine Zweifel. Verteidiger Joao Pereira agierte schon arg ungeschickt, kam mit den Füßen nicht mehr auf Götzes Höhe, hielt ihn deshalb fest, fiel selbst und stieß Götze dabei.

Bis zum Strafstoß war Portugal ein ebenbürtiger Gegner. Einige Male überbrückten sie das Mittelfeld schnell und kamen zu Abschlüssen. Man konnte ahnen, dass dies ein enges Spiel hätte werden können. Mit der Führung für Deutschland durch den Strafstoß war das allerdings sofort vorbei. Als hätte Portugal nur beim Stand von 0:0 überhaupt an eine Chance geglaubt, als hätte die Führung bei der Deutschen Mannschaft einen letzten Rest Unsicherheit ob der eigenen Stärken weggefegt.

Fortan spielte Deutschland ziemlich perfekt. Beeindruckend, wie die Mannschaft jederzeit das Tempo des Spiels bestimmte. Khedira und Lahm nahmen den Portugiesen den Raum, und falls das mal nicht reichte stand die Abwehrkette ausreichend sicher. Toni Kroos lenkte das Angriffsspiel und avancierte zum besten Spieler auf dem Platz. Thomas Müller gab den echtesten Stürmer überhaupt. Auch Mario Götze tauchte immer wieder im Zentrum auf und bewegte sich viel. Lediglich die Leistung Mesut Özils fiel meines Erachtens ziemlich ab; andere um mich herum haben das allerdings ganz anders wahrgenommen und bescheinigten ihm eine zumindest ordentliche Leistung. Sei’s drum.

Ein sehr verdienter, ein souveräner Sieg, den ich in dieser Form so nicht erwartet hatte. Bezüglich der Berichterstattung erwarte ich nun eher Hype denn Souveränität, vermutlich wird mir das zu laut und zu viel sein. Aber zum Glück dauert es bis zum nächsten Spiel diesmal nur fünf Tage. Darauf freue ich mich. Der Fußball dieser WM macht bislang viel Spaß.

Oranje boven!

Die Niederlande schlagen den Weltmeister aus Spanien mit 5:1. Fünf zu eins! Ein großartiges Fußballspiel mit atemberaubenden Szenen. Grandioser Fußball, bereits im dritten Spiel dieser WM.

Lange Zeit war Spanien die reifer agierende Mannschaft. Gewohnt ballsicher agierte der Weltmeister geduldig, wartete auf Lücken oder individuelle Fehler, kam zu Chancen. Individuelle Fehler boten Oranjes junge Abwehrspieler einige, mal versprang ein Ball, mal war ein Pass zu kurz. Lücken bot Holland wenige. Lediglich eine Szene blieb in Erinnerung, weil sie besonders war, weil sie gleich zweimal Weltklasse in Folge bot: Iniestas Pass auf David Silva, in der 43. Minute, war zum Applaudieren, Cillessens Reaktion auf Silvas versuchten Heber war aber keinesfalls minder großartig.

Abgesehen davon setzte Van Gaals Mannschaft den Spaniern einen sehr gut organisierten Defensivverbund entgegen. Und die individuelle Klasse der niederländischen Offensivkräfte setzte solche Highlights, die Fußball wunderschön werden lassen können.

Welche ein großartiger Spieler Ajren Robben sein kann. Wieviel schneller als seine Gegenspieler er in der 79.(!) Spielminute über den halben Platz flog, um danach noch zwei Verteidiger und den Torwart auszutanzen. Wie er in der 88. Minute den Ball volley Richtung Tor zimmerte; eine Szene wie aus einem Videospiel, wenn der Zocker schon dauerhaft auf X drückt, während der Ball noch unterwegs zum Spieler ist, um den Ball danach unwirklich schnell gen Kasten zu schießen.

In der zweiten Hälfte agierte Oranje wie entfesselt. Die Spanier wussten nicht mehr, wie ihnen geschah. Ilker Castillas tat mir schon leid, als ihm der Ball vom Fuß sprang, was Robin Van Persie prompt bestrafte. Aber es waren eben nicht nur Fehler der Spanier, es war der absolute Überfall der Niederländer. Viele Szenen, die einen raunen ließen, und alles wurde noch übertroffen von Van Persies Wundertor. Daley Blinds Hereingabe, Ausgangspunkt 3 Metern hinter der Mittellinie, Robin van Persie mit eingesprungenem Kopfball aus 15 Metern, aus vollem Lauf. Pure Kunst, auch noch in der Zeitlupe, wenn man sieht wie Van Persie mit angelegten Armen, bäuchlings über den Boden rutscht, das Gesicht nach unten, wie er quasi mit der Nase bremst.

Auch Chile ist ein starker Gegner. Aber dieser Sieg gegen Weltmeister Spanien bietet den Niederländern die Chance, die Gruppe zu gewinnen, im Achtelfinale den Brasilianern aus dem Weg zu gehen und weit zu kommen. Ma’kucken.

Das gute Gefühl weggepfiffen

Nach 69 Minuten hat Schiedsrichter Yuichi Nishimura das Eröffnungsspiel der WM 2014 für den Gastgeber Brasilien entschieden. Das nahm nicht nur Kroatien die Chance auf einen Erfolg sondern auch mir als neutralen Zuschauer den Spaß an einem bis dahin tollen Spiel.

Das Turnier begann großartig, die ersten Halbzeit bot tollen Fußball. Kroatiens Ballgewinne im Mittelfeld, das schnelle Umschalten, Brasiliens Offensive, in der scheinbar jeder überall spielt: Kein Abwarten, ein durch das frühe Tor angeheiztes, intensives Spiel.

Die zweite Hälfte war langsamer, lebte aber gut von der Spannung, eben bis zu Herrn Nishimuras Pfiff. Ein Pfiff, der zu einem Ergebnis führte, das nun so ist wie es sein sollte, damit die WM in Brasilien ein Erfolg werden kann. Selbst als nüchterner Zeitgenosse kann man sich bei einer solch klaren Fehlentscheidung kaum gegen das schlechte Gefühl wehren: Dass die Schiedsrichter dem Druck nicht standhalten, dass sie im Zweifel für den brasilianischen Freudentaumel entscheiden, statt die Emotionen des Landes endgültig ins Wanken zu bringen.

Brasilien war die bessere Mannschaft und hat sich den Sieg verdient. Trotzdem war dieses Spiel eine erste kleine Niederlage für dieses Turnier.

Mögen die Spiele beginnen